Tanz in die Unendlichkeit

IMG 20260812Das Bild, das Sie hier sehen, ist eine kleine Wallfahrtskapelle, an der ich heute mit dem Fahrrad vorbei kam. Seit Jahrhunderten suchen hier die Menschen Trost und Sicherheit vor der Unendlichkeit des Seins, die ihnen Angst macht.

Freuds Zeitgenosse C.G. Jung sagt, dass die Erfahrung des nicht Geliebtseins, die wir in den ersten Jahren unseres Lebens unweigerlich machen, weil wir es eben doch mit den Unvollkommenheiten unserer Eltern zu tun haben, zu dieser lebenslangen Unsicherheit führt.

Das kleine Kind bezieht harsche Behandlung durch die Mutter oder den Vater immer auf sich. Es ist nicht in der Lage, zu erkennen, dass diese vielleicht einen schlechten Tag hatten und deshalb unwirsch handeln.

Natürlich gibt es viele Abstufungen. Manche werden wirklich vernachlässigt, manche erleben weniger lieblose Situationen.

Die Doors sangen einst in ihrem Song „Riders on the storm“: „into this house we’re born, into this world we’re thrown.“

Eben dieses hineingeworfen Sein macht Angst. In dem Bestseller „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder wird sehr schön beschrieben, wie Religionen entstehen. Der Donner und die Blitze ängstigten die Menschen. Davonlaufen war nicht möglich, also blieb nur, sich mit den Gewalten, denen man sich ausgesetzt sah, zu verbünden. Man betete also den Donner an und brachte ihm Opfer. Die Geister in den dunklen Wäldern und auf den sturmumtosten Gipfeln versuchte man zu beschwören.

Dann gab es Menschen, die behaupteten, besseren Zugang zu den „Göttern“ zu haben. So entwickelte sich die Priesterschaft, die bald merkte, dass sie damit zu Geld und Macht kommen konnte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Jim Morrison, der Sänger der düsteren Songs der Doors, wählte den direkten Weg auf der Suche nach der „verlorenen“ Liebe, die Whiskyflasche. Alle Sucher (der Ursprung des Begriffs Sucht), die diesen Weg gehen, haben mit den bekannten Gefahren und Nachteilen zu rechnen. Jim starb früh. Es sind nicht die Schlechtesten, die ihm mit seiner Methode folgen (müssen).

Wir schreiben heute den 12. August 2026. Es ist ein Tag, an dem in einigen Teilen der Welt eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten ist. Weiterhin sind einige seltene Planetenkonstellationen zu sehen und später kommt es zu dem Sternschnuppenschwarm aus dem Sternbild Perseus, der jedes Jahr im August zu sehen ist.

Gewissermaßen klopft heute die Unendlichkeit an die Tür unseres manchmal sehr begrenzten Denkens.

Von Sokrates stammt der Satz: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Man könnte sagen, das ist der Beginn der Weisheit.

Das beobachtbare Weltall hat einen Durchmesser von 93 Milliarden Lichtjahren mit 100 bis 200 Milliarden Galaxien. Was darüber hinausgeht, ist praktisch unendlich.

An diesem besonderen Tag stelle ich mir vor, wie es wäre, wenn wir die Sicherheit, die wir alle so sehr suchen, in diesem Wirbel der kosmischen Unendlichkeit suchen würden? Wenn wir auf den Schultern des Shiva Nataraja, des tanzenden Shiva, Platz nehmen würden und mit ihm Raum und Zeit „durchtanzen würden“?

In dieser Vorstellung gibt es keinen Tod. Es gibt nur Übergänge und Veränderungen und letztlich Unsterblichkeit.

Man kann in dem kleinen Kirchlein einen Funken dieser Unendlichkeit spüren oder auch überall anders. Man kann sie in den Gestirnen und im Wispern des Windes fühlen.

Die wahre Bedeutung dieses Satzes von Sokrates liegt darin, von festgefügten Standpunkten abzulassen und sich dem, was immer es ist, hinzugeben.

 

 

 

 

 

 

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