Philosophien sind Erklärungsversuche für die Dinge wie sie sich uns darstellen. Ich sage deshalb Versuche, weil kein normaler Mensch weiß, wie das Universum entstand, wer Gott ist, was nach dem Tod kommt oder wie das alles enden wird. Ich habe den Begriff „normaler Mensch“ übrigens ganz bewusst gebraucht; denn die Yogis und auch die Adepten anderer mystisch-geistiger Traditionen sind sehr wohl der Ansicht, Einblick in die letzte Wirklichkeit zu haben. Dies ist ja gerade Sinn und Inhalt dieser Traditionen und Techniken. Die Kette der Fragen ließe sich noch beliebig verlängern. Nur ist das ziemlich müßig, weil alle Überlegungen für uns, die wir noch nicht die letzten Stufen des geistigen Weges erreicht haben, spekulativ bleiben werden. Natürlich meine ich nicht, dass es keinen Spaß machen kann, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen. Im Gegenteil, die Lust am abstrakten Denken ist faszinierend und es ist positiv, ihr zu nachzugehen, weil sie uns aus den alltäglichen Kleinlichkeiten heraushebt. Dies ist wichtig, denn dann können wir die Dinge von einem anderen Standpunkt als unserem gewöhnlichen wahrnehmen.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es für mich wichtig ist, einen geistigen Bezugsrahmen zu haben, mit Hilfe dessen ich das, was ich erlebe, einordnen und somit besser verstehen kann. Als Beispiel nenne ich die Gunatheorie Mit ihrer Hilfe verstehe ich die Ereignisse in meinem Leben oft besser und werde von den unvermeidlichen „Schlägen“ nicht so oft überwältigt.
Vielleicht wirst du jetzt einwenden, dass es eine verwirrende Vielzahl von Philosophien und Theorien gibt. Da stimme ich dir zu. Übrigens fallen auch die Religionen darunter. Das Wort Religion leitet sich ab vom lateinischen religio, das heißt soviel wie Rückverbundenheit. Damit ist die Verbindung des Individuums mit dem großen Ganzen, mit dem Unfassbaren, also mit Gott gemeint. Religionen sind Wege, die große Menschen gegangen sind und die sie an uns weitergegeben haben, damit wir ähnliche Erfahrungen machen können. Solche Menschen waren Jesus, Buddha, Mohammed und die Rishis (Weise, Seher), die die indischen Veden („das göttliche Wissen“, heilige Bücher Indiens) verfasst haben. Für mich bedeuten die Worte Jesu: „Folge mir nach“ und „Niemand kommt zum Vater, denn durch mich“, dass jeder von uns den Weg der Liebe gehen muss, wie er ihn uns gezeigt hat. Dabei verstehe ich ihn als einen Menschen, der auf dem Weg hin zu Gott schon sehr weit gegangen ist, sodass wir an ihn ruhig unsere Gebete richten können, da er über das normal Menschliche weit hinaus ist. Ich fand diesen Gedanken bei Swami Vivekananda.
Der Begriff „Vater“ bezeichnet das Überpersönliche, das für uns Sterbliche nicht fassbare Göttliche.
Für uns bedeutet das, dass wir die engen Grenzen unseres Egos transzendieren müssen. Immer wieder und jeden Tag aufs Neue, um die Ganzheit, das Licht, die universelle Liebe oder wie immer du das auch bezeichnen möchtest, zu erkennen. Diese Arbeit muss jeder selbst tun und dabei seinen eigenen Erfahrungen folgen. Das ist die Einstellung, die uns Mystiker wie Meister Eckehard empfehlen.
Von den Mystikern stammt auch die Haltung, nicht nur zu glauben, was andere erzählen, sondern das, was sie lehren durch den eigenen Erfahrungsweg zu verifizieren. Jeder von uns muss seine eigenen Erkenntnisse machen. Diese mystische Religiosität war bis zum 16.Jahrhundert in unserem Kulturkreis noch weiter verbreitet, bis sie dann im Zeitalter der Scholastik zunehmend durch die Befolgung des Dogmas und der Sakramente abgelöst wurde. Natürlich hat das auch etwas mit kirchlicher Machtpolitik zu tun; denn ein Mensch, der aufgrund einer hohen Ethik seinen eigenen Erfahrungen folgt, ist naturgemäß schwerer zu lenken, weil er keinen Priester braucht, sondern den unmittelbaren meditativen Kontakt mit Gott sucht.
Aus dieser unmittelbaren Erfahrung kommt die Erkenntnis, dass Gott oder die absolute Realität, oder wie immer du das bezeichnen willst, keine persönlichen Züge hat, sondern die gewaltige, unfassbare Kraft ist, die das Universum durchdringt. Welchen Weg du einschlägst, um dich dem Unfassbaren zu nähern, ist letztlich gleichgültig und abhängig von deinem Charakter, deiner Persönlichkeit, den Menschen, mit denen du zusammenkommst und den geistigen Strömungen, die dich beeinflussen.
Auszug aus „Das Yogalehrbuch“, G. Pflug, Schirner Verlag

