Wie man das Universum erklärt

Img 20240727 140646Es ist immer wieder faszinierend, sich die verschiedenen Bilder und Gedanken anzusehen, die der Mensch sich ersinnt, um das, eigentlich für ihn Unfassbare, zu erklären.

Wie auch immer es sein mag, keiner kann sagen, was stimmt. Aber die Beschäftigung damit führt unser Denken auf eine höhere Ebene. Wir nennen es Swadhyaya.

Wenn wir das ein paar Jahrzehnte machen, hinterlässt es Spuren.

Lesen Sie im Folgenden einen Auszug aus meinem 2011 erschienen Buch „Jenseits von Benares“.

 

Für mich stand immer die zugrundeliegende Philosophie an erster Stelle. Ich wollte das System verstehen. Mich faszinierten die verschiedenen Sichtweisen. Da gab es die dem Yoga zugrundeliegende Samkhya Philosophie in der es keinen Gott gab.

Das Erreichen der Erkenntnis lag allein beim Aspiranten, der sich allein und unabhängig von allem durch die Weiten des geistigen Raumes meditierte.

Auf der anderen Seite das Vedanta System. Hier wurde gesagt, das Gott in jedem Materienpartikel vorhanden ist. Geist und Materie vereint, Advaita – Nichtzweiheit.

Im Samkhya war die materielle Welt strikt vom Geist getrennt. Hier hieß es, die materielle Welt biete die Erfahrungen, die zum Erkennen des Geistes führen sollte.

Im Vedanta gab es wiederum dieses faszinierende Bild von Maya, die Illusion der materiellen Welt, hinter der sich Gott verbirgt und hinter die nur der ernsthafte Sucher blicken darf. Die anderen verlieren sich immer wieder hoffnungslos in der immer wechselnden Fata Morgana Gottes.

Natürlich war für mich klar, dass ich zur ersteren Gruppe gehören würde. Wenn ich über den Rand des Hindukosmos hinausschaute, dann gab es eine unendliche Anzahl von Anschauungen.

Wie passte jetzt das was die Buddhisten sagten dazu? Hier gab es keine Seele, keinen Geist, der sich bei neuen Inkarnationen mit neuer materieller Form verband. Das Feuer des Karmas brannte einfach solange, wie es Brennstoff aufgrund von Anhaftung fand und verlosch dann einfach. Das bedeutet Nirvana. Es ist einfach ein Aufhören der Existenz. Dieser Gedanke war mir nicht sympathisch. Da sträubte sich wohl etwas zutiefst menschliches, das sich einfach nicht mit dem Erlöschen abfinden wollte. Da war das Bild vom christlichen Himmel schon herzerwärmender. Oder auch die Verheißung des Vedanta, das die Individualseele, der Atman in die Universalseele, den Paramatman eingeht. Wobei man korrekterweise sagen muss, dass beide identisch sind. Atman isst die Früchte (Karma). Paramatman beobachtet nur, was sein Freund tut. Ein sehr schönes Bild, das ich bei Wickipedia fand.

Wie so mancher andere Anfänger drängte es auch mich damals zu klaren Entscheidungen. Da kann man für etwas einstehen. Da kann man Stellung beziehen. Mich zog es zum Samkhya. Yoga als praktisches System gründete sich sowieso darauf.

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Ich sah mich in der Tradition der Kanphata Yogis des mystischen Gorakshanath. Aschebeschmierte Gesellen, die in kleinen Gruppen, Ganja rauchend durchs heilige Indien zogen. Ihr Gott ist Shiva, Asket, Liebhaber, Tänzer und Zerstörer. Er ist wild und unberechenbar. Mal sitzt er Tausende von Jahren in tiefer Meditation auf dem Berg Kailash, dann wieder reißt er als Rudra der Zerstörer alles nieder.

Einst legte er seiner Gattin Parvati die Veden aus. Wie es Männern so manchmal passiert, geriet er ins dozieren und Parvati entschlummerte sanft zu seinen Füßen (wo sonst?). „Die Veden sind zu hoch für dich, du bist auch nicht anders als eine gewöhnliche Frau, so sollst du denn auch als solche wiedergeboren werden,“ zürnte er. Nachdem der Zorn verraucht war, versank er in tiefe Trauer. Mittlerweile war Parvatti als Tochter eines Fischers wiedergeboren worden.

Nandi, Shivas Reittier und treuer Diener konnte die Trauer seines Herrn nicht länger mit ansehen. Er verwandelte sich in einen Hai und attackierte die Fischer. In ihrer Not wandten sie sich an Lord Shiva. Der Ortsvorsteher versprach die Hand seiner schönen Tochter dem, der den Hai besiegten würde. Shiva nahm die Gestalt eines jungen Fischers an und besiegte, wer hätte es gedacht, den Hai. Nandi trug die beiden im letzten Bild der Geschichte, glücklich vereint zurück auf den Kailash. Es ist nicht bekannt, ob der Vedenunterricht wieder aufgenommen wurde.

Am besten gefiel mir die Gestalt des Shiva Nataraja, des Königs der Tänzer. Er tanzt durch das Universum, zerstört und baut auf und bleibt von diesem immerwährenden Wandel doch unberührt. Es gibt die Idee, dass der Mensch sich die Götter sucht, die seinem eigenen Wesen entsprechen. Vielleicht sprach mich diese Vielfalt der Gestalten an? Einerseits zutiefst menschliche Verhaltensweisen und dann wieder dieser lächelnde Tanz durch die materielle Welt.

MadavadasajiSo hätte ich es auch gerne. Ganz naiv und kindlich. Das war es, was ich damals unter Erleuchtung verstand. Mit mildem Lächeln unbewegt von den Fährnissen des Daseins in tiefer Meditation vor meiner Höhle auf dem Gipfel eines Berges sitzend. Vorzugsweise im Himalaya. Das wäre stilgerecht. Damals schien mir Entwicklung nur in Indien möglich. Kein Land der Erde war so von Religion durchdrungen. Überall waren Heiligenbildchen zu sehen. Der Duft von Räucherstäbchen hing in der Luft. Aus der Kohlenhandlung, die in Richtung Bahnhof Santa Cruz lag, die gleichzeitig auch Schreibpapier und Reis anbot, blickte Vishnu, lässig in den Windungen der Schlange Shesha ruhend, auf die Kunden. Ihm zur Seite seine Gattin Lakshmi. Alles in buntesten Farben. Alles so unschuldig. Es war eine religiöse Welt, die nichts mit den finsteren Erfahrungen und Gefühlen aus dem heimischen Deutschland zu tun hatte. Hier hatte das sture Auswendiglernen des kleinen Katechismus nicht stattgefunden. Hier waren erste sexuelle Regungen nicht mit dem Bannstrahl der Sünde belegt worden. Die Beatles waren ja auch schon gen Osten gezogen und hatten zu Füßen des Maharishi Mahesh Yogi gesessen. Hermann Hesse war zu einer Indienreise ausgezogen, hatte zwar Indien überhaupt nicht betreten, sondern sich eigentlich in Indonesien aufgehalten. Immerhin entsprang dieser Reise eines seiner schönsten Werke, nämlich Siddharta.

Indien, Land der unermesslichen Reichtümer, Maharajas, die ihr Gewicht in Diamanten aufwiegen ließen. Land der Rajputen, die auf ihren stolzen Festungen den Angriffen der Großmoguln widerstanden und die zusammen mit ihren Frauen lieber in den Tod gingen, als sich zu unterwerfen. Land der Tiger und der Dschungel. Land der Sadhus, die in ewiger Wanderschaft und Entsagung auf der Suche nach Gott durch die weiten Ebenen des Gangestales zogen. Nach Indien zogen die Blumenkinder, um dort das Paradies zu finden. Viele von ihnen versanken in Dreck und Sucht, denn auf keiner Suche ist so viel Disziplin nötig, wie auf der Suche nach dem Paradies. Wer das nicht erkennt, der landet eher in der Hölle. Ich habe sie in Madras am Straßenrand gesehen, die gescheiterten Sucher, zerlumpt, verdreckt, am Ende.

Indien bietet große Freiheit, nach seiner Fasson zu leben, – aber auch zu sterben. Der Lebenskampf ist unglaublich hart. Vielleicht ist das ein Grund, warum sich ausgerechnet dort die Theorie der Wiedergeburt bilden konnte. Bietet sie doch die Hoffnung, dass beim nächsten Mal alles besser wird, man braucht „nur“ genügend positives Karma anzuhäufen.

Zurück zu den Studiennachmittagen. In dieser selbstbestimmten Zeit erschloss ich mir eine neue Welt. Ich war fasziniert von den verschiedenen Sichtweisen, die man auf ein und denselben Gegenstand haben konnte. Ich beschäftigte mich mit John Locke und Francis Bacon. Ich arbeitete mich durch Kant und seiner ganz eigenen Terminologie. In seiner „Kritik der reinen Vernunft“ sagte er aus, dass wir eigentlich nur in den Kategorien denken konnten, die uns „a priori“ bekannt seien. Wie also sollten wir uns Unbekanntes mit dem Verstand wahrnehmen können? Dasselbe sagten die Yogis, wenn sie von der Begrenztheit der sinnlichen Wahrnehmung sprachen. War es nicht so, dass wir ein und dasselbe Objekt immer wieder anders wahrnehmen, je nach dem wie wir gestimmt sind? Musste es nicht eine Instanz geben, die hinter der Sinneswahrnehmung stand, die die Sinne erst zum tätig werden brachte?

Die Yogis nannten diese Instanz Purusa. In einem Beispiel wurde Purusa mit einer Projektionslampe in einem Filmprojektor verglichen. Das Publikum verfolgt fasziniert das Geschehen auf der Leinwand, Synonym für das Leben, und ist sich dabei überhaupt nicht bewusst, dass es ohne die Lampe gar keinen Film gäbe.

Purusa wird übersetzt mit „Der wahre Mensch“. Er ist in jedem von uns. Es ist ähnlich der Buddhanatur, die jeder schon besitzt, die wir aber nicht wahrnehmen, weil wir ständig dem Getriebe auf der Filmleinwand zusehen.

Yoga bedeutet die Ausschaltung der Sinne. Erst dann tritt der Purusa hervor. Das ist das Ziel. Das ist Erkenntnis der wahren Realität.

Es machte Freude, solche Zusammenhänge zu erkennen. Alles erschien in solchen Momenten so klar. Es beflügelte, sich der Yogapraxis und der Meditation zuzuwenden.

In solchen Momenten glaubte ich allen Ernstes, dass ich mich ab jetzt nur noch in den reinen Gefilden des Geistes bewegen würde. Ich sah mich meinem Ziel, mit mildem Lächeln das Getriebe der Welt zu betrachten, sehr nahe. Schon vor meinem Abflug hatte ich mit wehen Gedanken bei Tchibo noch eine Tasse Kaffee getrunken. Ich ging davon aus, dass es die letzt meines Lebens sein würde.

 

Yogis trinken keinen Kaffee! Es hätte mir zu denken geben sollen, dass ich nach dem langen Flug nach Bombay (ich kann mich immer noch nicht zu Mumbai durchringen) morgens gegen vier Uhr im mondänen Centaur Hotel einen Cappuchino orderte. Es sollte jetzt wirklich zum letzten Mal sein, aber schließlich ist es ja verständlich, nach dem langen Flug oder?

Merke (Doppelpunkt, Ausrufezeichen) Das Leben ist ein Prozess, der erst mit dem Tod endet, und wirklich erst dann. Ich weiß nicht, ob es damals (1978) schon den Bondfilm „Sag niemals nie“ gab. Ich hätte ihn mir aber wahrscheinlich doch nicht angesehen. Zukünftige Yogis gehen nicht in James Bond Filme!

Wenn in diesen letzten Zeilen so was wie Pessimismus anklingen sollte, so stimmt das nicht. Im Nachhinein muss ich nur feststellen, dass mir niemand gesagt hatte, dass ein spiritueller Weg auch nicht mit Rosenblättern bepflastert ist. Oder vielleicht hatte ich es doch gehört, und es geflissentlich überhört, weil ich ja, wie so oft, überzeugt war, dass bei mir alles anders läuft. Dr. Jayadeva in seiner Weisheit hat damals sicher erkannt, dass man mich am besten meine eigenen Erfahrungen machen lässt, weil ich Ratschlägen anderer eh nicht glaube. Demut, ein wesentlicher Aspekt solch eines Weges entwickelt sich erst nach langen Jahren und vielen Kämpfen mit Siegen und Niederlagen. Dabei lernt man dann, dass es ein Geschenk ist, wenn man immer wieder einmal, so wie an diesen Studiennachmittagen im Institut, im Reich des Geistes weilen darf, bevor einen die Materie wieder einholt.

IMG 20180216 WA0001Morgens um neun und Nachmittags um vier hielt Dr. seine Lecture. Sie fand im Office statt. Wir, die paar Westerners, die im Institut lebten und einige Inder, die beruflich so privilegiert waren, dass sie sich zu diesen Zeiten einfinden konnten. Als ich im Juni 1978 begann, beschäftigte man sich mit Patanjalis Yogasutren. Wer dieser Patanjali war, weiß niemand so genau. Manche sagen, dass er gleich zusetzten ist mit einem Grammatiker, der im 2. vorchristlichen Jahrhundert gelebt hat. Andere sagen, dass er im 4. oder5. vorchristlichen Jahrhundert seine Sutren verfasste. Sutra heißt Faden. Die 195 kurzen Aphorismen stellen einen Leitfaden des Yoga dar. Wenn man sie als die Bibel des Yoga bezeichnet, ist das sicher nicht falsch.

Diese Lectures waren immer etwas besonderes. Wir saßen vor der halbrunden Empfangstheke. Dr. saß dahinter. Wenn ein Anruf oder ein Besucher wegen einer Auskunft kam, wurde der Vortrag einfach unterbrochen. Mir kam das damals recht gelegen, bot es doch die Gelegenheit, das Gehörte zu rekapitulieren und den Nachbar, der schon länger dabei war, kurz was zu fragen.

Es war alles so einfach, so unprätentiös. Kein großes Brimborium mit Räucherstäbchen und Gong. Wir standen auf, wenn Dr. kam. Das war’s dann auch schon. Natürlich fragte ich mich am Anfang, warum denn kein Anderer Empfangsdienst machte, sondern der Yogi selbst? Es war niemand anderes da. Kein „Staff“, kein Bürodienst. Diese Einfachheit empfand ich als zutiefst echt. So wie in alten Zeiten. Hier der Lehrer, dort der Schüler, die alte, ursprüngliche Guru – Chela – Beziehung.

So saß ich denn da. Mein weißer Anzug, den ich um acht Uhr erst frisch angezogen hatte, war schon wieder zum Auswringen. Mai, Juni ist in Bombay die heißeste Zeit. Ich erinnere mich noch genau. Man war gerade bei Kapitel eins. Darin findet sich die Theorie des Yoga. Starker Tobak für einen schwitzenden Anfänger mit noch recht mangelhaften Englischkenntnissen. Ich hörte Ausdrücke, wie Tanmatralevel, Buddhi, Samprajnata – und Asamprajnata – Samadhi, Manas usw.

Ich verstand nicht viel, aber ich gab mir Mühe. Ich hielt nie viel von großer Fragerei. Weder bei mir, noch bei meinen späteren Schülern oder sonst wem…

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