Die Schattenseiten der Gita Teil 2

P1020201„Nachdem ein Krieg nun also unvermeidlich war, sammelten sich die zwei Heere auf dem Schlachtfeld von Kurukshetra. Krishna war der Fahrer des Streitwagens von Arjuna, dem fähigsten Kämpfer und damit auch Heerführer der Pandavabrüder. Es muss ein gewaltiges Bild gewesen sein, als sich die beiden Heere mit Tausenden von Elefanten und Streitwagen gegenüberstanden. Es war damals noch nicht üblich, den Krieg überfallartig zu beginnen. Zwischen den Heerführern wurden genaue Regeln vereinbart. So durften nur Gleichausgerüstete gegeneinander kämpfen. Bei Sonnenuntergang wurde die Schlacht bis zum nächsten Morgen unterbrochen. Um sich einen Überblick zu verschaffen, bat Arjuna Krishna, ihn in das Niemandsland zwischen den beiden Heeren zu fahren. Und damit kommen wir zum Kern des Geschehens.

Als Arjuna nämlich die gegnerischen Reihen musterte, sah er viele Freunde aus seiner Kindheit und Jugend. Er sah nahe Verwandte. Er sah seinen verehrten Lehrer, der ihm die Waffentechniken beigebracht hatte. Als er dies alles wahrnahm, beherrschte ihn nur noch ein Gefühl: nämlich, dass es ihm unmöglich war, gegen diese ihm nahestehenden Menschen zu kämpfen und sie womöglich zu töten. Es überkam ihn eine Schwäche, und er wollte nur noch weg. Er war bereit, auf den Sieg und die Königswürde zu verzichten.

Wir müssen uns die Situation in ihrer ganzen Dramatik vor Augen führen. Arjuna gehörte der Kriegerkaste an. Vergleichbar mit unseren Rittern, gehörte es zu den Aufgaben der Ksatrias (Krieger), für Recht und Sicherheit zu sorgen, die Schwachen zu beschützen und die Staatsstruktur zu erhalten. In eine Kaste wird man kraft Karma hineingeboren. Es war damals völlig undenkbar, in eine andere Position zu wechseln. Für einen Krieger war auch das Töten nichts Ehrenrühriges. Es gehörte zu seiner Stellung wie zu einem Brahmanen das Zelebrieren eines Opferritus. Hinzu kommt seine Position. Er war Führer über Zehntausende von Kriegern. Zudem waren zur Unterstützung der Brüder befreundete Könige mit ihren Truppen herbeigeeilt und hatten sich unter seinen Befehl gestellt. Sie alle standen in gespannter Erwartung, als ihr Führer nun vor die Linie fuhr. Auch die gegnerische Armee richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihn, denn es war ja für sie wichtig, seine Entscheidungen vorauszuahnen.

Wir haben hier eine bewusst extrem gewählte Situation, in der ein Mensch mit widersprüchlichen Gefühlen unter einem ungeheuren Druck steht. Arjuna sieht für sich nur die Möglichkeit, sich vollkommen aus allen Verpflichtungen zurückzuziehen. Die Folgen wären Unverständnis und Verwirrung von unabsehbarem Ausmaß. Die Verbündeten könnten mit Unverständnis und Verärgerung reagieren und eventuell zum Feind überlaufen. Die Strukturen des ganzen Staates könnten zusammenbrechen. Bis in die Neuzeit hinein waren die Könige ja überzeugt, von Gott eingesetzt zu sein. Das heißt, dass die Gesellschaft hierarchisch strukturiert war. Wenn also der oberste Repräsentant seinen Posten verlässt, was sollte seine Untertanen hindern, das Gleiche zu tun?“(Aus „Das Yogalehrbuch“, G.Pflug, Schirner Verlag)

In dieser Konfliktsituation beginnt Krishna mit der Unterweisung, die wir als Bhagavad Gita kennen. Ich möchte hier jetzt nicht in die Breite gehen, sondern nur den Aspekt, der zwischen Karma und Dharma besteht, aufzeigen.

Krishna erklärt dem verzweifelten Arjuna, dass es zu den Pflichten seiner Kaste gehört, zu kämpfen, was unvermeidlich mit Töten verbunden ist. Wenn er dieses Dharma nicht erfülle, entstehe Chaos und Leid, denn er sei der Anführer. Wenn er seinen Pflichten nicht nachkomme, das heißt, sein Dharma verlasse, würde sich das nach unten fortsetzen, und die Gesellschaftsordnung würde zusammenbrechen.

Dharma wird etwas ungenügend mit Pflicht übersetzt. Besser ausgedrückt bedeutet es, dass ein Mensch in ein Leben hineingeboren wird und es bis ins Kleinste erfüllen muss. Dann, so heißt es, habe er sein Dharma erfüllt und könne zur nächsten Stufe aufsteigen.

Wie typisch indisch dieses Denken ist, mag folgendes Beispiel, das ich im Yogainstitut mitbekommen habe, zeigen.

Einer der Besucher fragte, wie er sich denn als Kaufmann gemäß seinem Dharma zu verhalten habe, wenn es darum gehe, möglichst gute Abschlüsse zu tätigen, selbst wenn er dabei, sagen wir mal, die Wahrheit mehr oder weniger verbiegen müsse?

Obwohl wir im Yoga in den Yamas, der ersten Stufe des achtfachen Pfades, das Gebot Satya gleich Wahrheit haben, erhielt er die folgende Antwort: Da er in die Kaste der Kaufleute hineingeboren sei, habe er auch die Verpflichtung, erfolgreich zu sein. So sei es legitim, bei Verhandlungen die Wahrheit zu seinem Vorteil auszulegen, um Gewinn zu machen. Dies sei auch eine Verpflichtung seiner Familie gegenüber, für die er so gut wie möglich zu sorgen habe. Schließlich sei es nicht billig, Kinder aufs College zu schicken.

Natürlich passiert bei uns im Westen Ähnliches, aber es gilt nicht als ehrbar. Das ist der Unterschied.

Außerhalb seines Kaufmann- Dharmas mag dieser Mensch eine hohe Ethik haben.

Die fatalen Folgen dieses Denkens kennen alle, die in Indien waren. Man wird betrogen, auf Schritt und Tritt. Es ist ein ständiger Kampf, das Übervorteiltwerden wenigstens einigermaßen gering zu halten. Dies beginnt, wenn man die Ankunftshalle des Flughafens verlassen hat und der Meute der Taxifahrer ausgeliefert ist und endet erst, wenn man wieder im Flugzeug sitzt.

Das Ausmaß der Korruption ist hoch und das Land leidet darunter. Selbst Reformen können m.E. wenig ändern, solange dieses von der Religion hergeleitete Denken existiert.

(wird fortgesetzt)

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