Die Gurufalle

IMG_20221107_192212Etliche von uns, ich auch, starten den Tag gerne mit einem Aphorismus oder einem positiven Gedanken als Affirmation, um so in den Tag zu starten.

Heute morgen bekam ich Folgendes zu lesen:

„Wenn deine Liebe, deine Freude und dein innerer Frieden von jemand anderem abhängig ist, dann ist es unmöglich, permanent im Zustand der Freude, des Friedens und der Liebe zu sein.“

Eigentlich eine Binsenweisheit, denn allen ist klar, dass Stimmungen schnell umschlagen können und dann ist es schnell aus mit der Liebe.

Wenn man allerdings auf der Seite eines „Gurus“ ist, dann erwartet man ja nicht Alltagsweisheiten, sondern so richtige Weisheiten.

Der erste Gedanke, nachdem ich das gelesen hatte, war die Einsicht, dass er ja so recht hat. Der zweite war, von wem und von was ich selbst abhängig bin und der dritte war, dass ich da schleunigst was dagegen tun muss, sprich, mich aus diesen Abhängigkeiten lösen – und da schnappt die Falle zu.

Der „Guru“, von dem der Spruch stammt, ist ein interessanter Geselle. Ich schätze ihn als intelligent und gebildet und er spricht manch guten Gedanken aus. Manchmal scheint er den Schalk im Nacken zu haben, wenn er angetan mit farbigen Roben, Kettchen um den Hals und einem imposanten Turban zu seinen Zuhörern spricht.

Den obigen Ausspruch allerdings sehe ich sehr kritisch, denn er vermischt die Bereiche von Yoga und Psychologie respektive Psychotherapie. Beides korrespondiert zwar in gewissen Bereichen, unterscheidet sich aber vollkommen.

Psychologie beschäftigt sich mit Vorgängen in der Psyche, das heißt im Denken. Die Yogis nennen das Chitta. Es geht um Gefühle, Gedanken, neurotische Strukturen, Verletzungen in der Kindheit und die Strukturen, die sich daraus für den Erwachsenen ergeben usw.

Für den Yogi sind das alles lediglich Samskara-Vasanas, das heißt Einprägungen ins Denken, viele Leben lang. Das Yogasystem hat keinerlei Interesse, sich durch diesen Wust an Gefühlen durchzuarbeiten.

Vielmehr ist das Ziel aller Yogatechniken, das Denken durch Konzentration sattvisch zu machen und den Geist, das heißt, den Purusha als wahren Menschen zu erkennen.

Beziehungen und andere Abhängigkeiten sind dabei nur störend. Folglich sollten sie so schnell wie möglich abgestellt werden. Deswegen gingen die Yogis in die Wälder und auf die Berge, weil sie dort alleine waren, wirklich alleine und nicht nur auf einem Wochen-Retreat.

Tatsache ist aber, dass 99 % aller Yogaaspiranten in Beziehungen leben und gar nicht daran denken, sie aufzugeben, aber doch gerne dem Yogapfad folgen möchten.

Daraus ergeben sich unvermeidliche Konflikte. Ich habe in meinen Kursen immer wieder Frauen erlebt, die sich über ihre Männer beklagten, weil die so gar kein Interesse an ihrer spirituellen Sadhana zeigten, sondern sich nur wunderten (im besten Fall), auf was für spinnerte Gedanken ihre Frauen kommen. Die nämlich fingen an, statt Schweinebraten Grünkernbratlinge auf den Tisch zu bringen, das Glaserl Wein oder auch deren zwei, was zur Lockerung der Stimmung beitragen sollte, um danach zu dem zu kommen, was Mann und Frau gewöhnlich so treiben, abzulehnen.

 

Der bekannte Psychotherapeut Bert Hellinger sagt, dass, je dichter das Netz von Abhängigkeiten, das heißt das Geben und Nehmen in Beziehungen ist, desto besser und intensiver ist die Beziehung.

C.G. Jung prägte die Begriffe Animus und Anima für das Männliche und das Weibliche. Männer haben danach mehr Animusanteile, Frauen dementsprechend mehr Animaanteile in ihrer Persönlichkeit. Das macht sie zu Männern und Frauen. Beide haben aber auch die korrespondierenden Anteile des anderen Geschlechts in sich. Um zu einem ganzen, verwirklichten Menschen zu werden, ist es für beide wichtig, die Anima-bzw Animusanteile in sich zu entdecken und zuzulassen. Das heißt z.B. für Männer, dass sie nicht immer den harten Kerl herauskehren müssen und Frauen können auch auf den Tisch hauen. ( Siehe der Artikel „Animus und Anima – oder die Vertreibung aus dem Paradies“ vom 27. September 2018)

Allerdings sollen Männer trotzdem Männer und Frauen Frauen bleiben. Denn – wenn der Mann alle weiblichen Anteile und die Frau alle männlichen Anteile in sich verwirklicht, wozu dann noch eine Beziehung?

Beziehung bedeutet ausdrücklich ein Ja zu freiwilliger Abhängigkeit!

 

 

 

 

 

 

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