Märtyrer

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Vor einigen Jahren kam ein Film im Fernsehen in dem es um die Deportation der Juden ins KZ ging. Mir ist eine Szene in Erinnerung geblieben in der ein SS-Mann einen der Häftlinge, die in einer langen Reihe verängstigt vor ihm standen, heraustreten ließ. Aus irgendeinem Grund, den ich jetzt nicht mehr weiß, hatte er ihn als Juden erkannt.

Der Offizier in seiner martialischen Uniform, dem verängstigt dastehenden Häftling in seiner satten Selbstzufriedenheit turmhoch überlegen, legt es darauf an, den Unglücklichen zu demütigen. Er befiehlt ihm, seinem Glauben abzuschwören. Der Häftling weigert sich und in einer nachfolgenden Prügelorgie mit immer der gleichen Aufforderung, stirbt dieser.

Ich frage mich seitdem immer wieder, ob das einen Sinn hatte?

Da ist der Gedanke, dass sich der Häftling eigentlich auf das Spiel des Schergen einlässt. Er kann nicht gewinnen. Trotzdem tut er es. Warum?

Wäre es nicht sinnvoller, lächelnd auf die Forderung einzugehen und den Anderen erst recht zu desavouieren und bloßzustellen und ihm seine Verachtung für sein unmenschliches Wertesystem zu zeigen, indem er nachgibt?

„Was kannst du mir schon tun, denn was innerlich in mir vorgeht, bleibt für dich auf immer unerreichbar? Was sind Äußerlichkeiten? Soll ich dich in deinen abstrusen Forderungen auch noch bestätigen, indem ich mich von dir totschlagen lasse?“

Hier erhebt sich natürlich die Frage: „Was wird Gott sagen? Wird er mich des Verrats bezichtigen?“

Andererseits heißt es immer, dass Gott in des Mensch Herz sieht. Also weiß er, dass ich durch mein Nachgeben nur einer unmenschlichen Ideologie das Wort rede. Fordert er wirklich mein Leben? Gibt das wirklich einen Sinn?

Die anderen Häftlinge mussten das Geschehen mitansehen. Was sind die Folgen für sie? Ich denke, das die Angst bei ihnen und die damit verbundene Demoralisierung durch diese Gewaltausübung noch größer wurde.

Die Antwort wäre anders, wenn mit dem Widerstand etwas zu gewinnen wäre, etwa die Rettung eines Lebens.

Nehmen wir die Situation, dass in einer Diktatur wie das Naziregime, eines Nachts an meine Tür geklopft würde und ein verängstigter Mensch auf der Flucht draußen steht. Ich bin mir ziemlich sicher (ganz sicher kann man sich nie sein), dass ich ihn nicht abweisen würde, selbst wenn anderntags die Gestapo vor der Tür stehen würde.

Das wäre die Anne-Frank-Situation. Es heißt in der Bibel: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder tut, das habt ihr mir getan.“

Das ist auch Zeugnis für den Glauben ablegen aber eines, um das Leben eines Anderen zu retten.

Es ist fast unmöglich, sich in einen Anderen, der in so einer Extremsituation steht, hineinzuversetzen. Was, wenn sich durch das, nach menschlichem Ermessen, sinnlosem Leiden solch eine Nähe zu Gott einstellen würde, dass es einem Moksa – oder Samadhizustand gleichkäme? Dann würde sich die Sinnfrage nicht stellen.

Wenn allerdings im Inneren des Geprügelten „nur“ ein Konglomerat von Schmerz, Bedauern und Wut wäre, halte ich sein Sterben nach meinem jetzigen Wissensstand für sinnlos.

Für eine Institution wie der Kirche sieht es anders aus. Es hat im Laufe der Jahrtausende viele Märtyrer gegeben. Als die christliche Mission in Korea einsetzte wurden viele der Missionare grausam verfolgt. Man schätzt, dass 100 000 Gläubige für ihren Glauben in den Tod gingen. Die auf konfuzianischen Prinzipien, welche eine streng hierarchische Gesellschaftsordnung vorsahen, aufgebaute Chosun-Dynastie empfand das Christentum mit seiner Idee, dass alle Menschen vor Gott gleich sind, als eine Bedrohung.

Die Institution Kirche sah für sich einen Missionsauftrag und hätte ihn nicht erfüllen können, wenn alle neu missionierten gleich abgeschworen hätten.

Abschließend komme ich zu folgendem Schluss: Das Martyrium macht für den Einzelnen nur Sinn, wenn zum Zeitpunkt seines Todes in seinem Inneren gleichsam ein Mysterium der Unio Mystica, einer Vereinigung mit Gott stattfindet. Andernfalls sehe ich keinen Sinn darin.

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