Das Ende der Autonomie

IMG_20201116_160205Wenn man einen Frosch in heißes Wasser wirft, stirbt er sofort. Setzt man ihn jedoch in einen Kessel mit kaltem Wasser und erhitzt es langsam, wird er die Wassertemperatur über längere Zeit als normal empfinden bis er zum Schluss stirbt weil der Organismus nicht mehr mitmacht. Irgendwann vorher mag langsam ein Gedanke dämmern: „Da stimmt doch was nicht?!“

Aber da ist es zu spät! „Das Ende der Autonomie“ weiterlesen

Brüderinnen zur Sonne, zur Freiheit…

IMG_20211207_050647Morgen wird der neue Bundeskanzler in sein Amt eingeführt. Das ist eigentlich nicht so wichtig. Wichtiger ist, dass im neuen Kabinett der Frauenanteil so hoch ist wie noch nie.

Das erfüllt mein Herz mit Freude.

Warum? Weil wir jetzt endlich einer besseren Welt entgegen gehen. Erinnern wir uns: Die Ursache der Misere, in der die Welt heute ist, sind die alten weißen Männer. Also ich und die anderen meiner Sorte. Der einzige Weg zur Rettung sind die Frauen. Durch sie wird per se die Welt besser. „Brüderinnen zur Sonne, zur Freiheit…“ weiterlesen

Die Sache mit der Selbstverantwortung

20130601_201107Wir werden in sehr, sehr kurzer Zeit wieder erleben, dass die Bewegungsfreiheit und die Möglichkeiten des Ausgehens rigoros beschnitten werden. Die Infektionskurven steigen rapide an, die Krankenhausbetten werden knapp.

Da wir es nicht mehr lang bis Silvester haben, bietet sich der klassische Spruch: „The same procedure as last year.“ an.

Letzten Montag fand bei uns die Wiederholung eines Konzerts der Cavern-Beatles statt, welches letztes Jahr wegen Corona abgesagt wurde. Ich hatte noch Karten vom letzten Jahr und freute mich auf den Abend. Aber – ich ließ sie verfallen, weil es mir unter den gegenwärtigen Umständen nicht opportun erschien, inmitten einer kreischenden Menge zu sitzen. Aerosole usw., Sie wissen schon. „Die Sache mit der Selbstverantwortung“ weiterlesen

Der lange Weg

IMG_20190913_144114Kennen Sie den? Zwei Freunde treffen sich nach einigen Jahrzehnten wieder. Sagt der eine zum anderen: „Du hast dich überhaupt nicht verändert in all den Jahren.“ Sagt der andere: „Willst du mich beleidigen?“

Eine andere Geschichte geht so: Ein Fremder kam zu einem Zenkloster in den Bergen Japans und begehrte, den Meister zu sprechen. Man sagte ihm, dass dieser im zentralen Innenhof des Klosters zu finden sei. Der Fremde ging wie ihm geheißen und traf dort aber nur einen alten Mann, der das Laub zusammenfegte. Auf weiteres Nachfragen wurde ihm gesagt, dass das der Meister sei. „Wie kann es sein, dass man einen heiligen Mann mit einer derart niederen Arbeit beschäftigt?“

Die Antwort, die ihm zuteil wurde: „Für einen Wissenden sind alle Dinge gleich.“ „Der lange Weg“ weiterlesen

Über das Verweilen

PICT1338Während einer Reise durch Rajastan waren wir auch ein paar Tage in Pushkar. Der Legende nach ließ Gott Brahma an dieser Stelle eine Lotusblüte (Pushkar) auf die Erde niederfallen und es entstand ein See. Um diesen See gruppierten sich im Laufe der Jahrhunderte viele Tempel und so ist die Stadt noch heute ein beliebter Wallfahrtsort. Leider zerstörte der Großmogul Aurangzeb in religiösem Fanatismus einen Großteil der alten Tempel, sodass die heute noch stehenden nur aus den letzten 300 Jahren stammen. Bemerkenswert ist, dass nur 11 Kilometer entfernt Ajmer liegt, der wichtigste Wallfahrtsort der indischen Moslems. Da die Hindus vor den Moslems in Indien waren, kommt mir der Gedanke, dass hier wie an vielen religiösen Orten eine Überlagerung geplant war. Auch in unserer christlichen Tradition wurden ja Kirchen über Tempel und alte Heiligtümer gebaut.

Wie auch immer, jeder der Pushkar besucht, kann sich seinem Zauber an heiterer Gelassenheit nicht entziehen. Auf den Ghats, die hinunter zum Wasser führen, spielt sich mannigfaltiges Leben ab. Fromme Hindus verrichten ihre Riten, Kühe, Affen, Ziegen und Tauben sind genauso geduldet und respektiert wie Menschen. Das ist für mich immer wieder das Faszinierende an Indien, diese Toleranz dem Anderen gegenüber. Jeder, und damit sind nicht nur Menschen gemeint, kann nach seiner Art leben – und auch sterben. Es ist beileibe nicht alles idyllisch.

Mehrmals am Tag bummelten wir durch die Straßen und verweilten am See. Es spielten sich oft die gleichen Rituale ab. Die Händler sprachen uns an, es gab einen kleinen Schwatz, wir sagten „vielleicht ein andermal“, was mit einem freundlichen Lächeln quittiert wurde. Drei Stunden später wiederholte sich das Ganze. Vielleicht lag diese Leichtigkeit zum Teil auch an dem frühlingshaften Januarklima – Indien mal nicht schweißgebadet. Es war, als schwebte Mörikes Frühlingsgedicht über uns.

 

Als es an der Zeit war, einen Reisescheck einzuwechseln, kamen wir, wie so oft in Indien, mit dem Inhaber des kleinen Ladens ins Gespräch. Wir sprachen über dies und das und kamen auch auf das Reisen. Wir sprachen von früheren Indienaufenthalten und fragten, wo er denn schon überall gewesen sei? Nirgends, antwortete er. Er habe noch nie den Wunsch oder die Notwendigkeit verspürt, Pushkar zu verlassen. Er finde hier alles, was er sich wünschen könne. Da staunten wir Weitgereisten und wunderten uns. Hatten wir hier einen etwas eingeschränkten Vertreter der menschlichen Spezies vor uns oder einen Fastheiligen? Er machte nicht den Eindruck des ersteren und dieser Gedanke kam mir auch nicht ernsthaft angesichts der heiteren Gelassenheit, die er ausstrahlte. Gleichviel, dieses Erlebnis bot Stoff zum Nachdenken.

Wie ist es bei uns? Reisen bildet, heißt es. So sind wir denn ständig unterwegs. Auch auf Reisen, die nichts mit Bildung zu tun haben, sondern nur der Zerstreuung dienen. Viele verbringen Zeiten in einem Land, ohne die Grenzen des Urlaubsresorts zu verlassen. Diese Bewegungswut ist meinem Eindruck nach nur ein Ausdruck einer generellen Haltung. Tiefer, schneller, weiter, höher, größer, schöner usw. Das sind unsere Götter. Stillstand heißt Rückschritt – sagt man in der Wirtschaft. Vor Jahren schrieb E.F. Schuhmacher sein Buch „Small is beautyful“. Kleine Wirtschaftseinheiten mit überschaubarer Energieversorgung waren seine Idee. Der Einzelne sollte sich darin wiederfinden können. Diese Idee gibt es auch heute noch – in Indien, in den noch vorhandenen Gandhidörfern. Was finden wir dagegen zunehmend? Immer größere Einheiten, die nicht einmal mehr von Staaten kontrollierbar sind. Der Widerstand gegen diese Globalisierung kommt nicht von ungefähr.

Auch bei unserer inneren Entwicklung scheinen wir oft nach dem obigen Motto zu verfahren. Wir streben nach Vervollkommnung, besuchen dieses und jenes Training, machen diese und jene Ausbildung und irgendwie glauben wir wohl, dass wir irgendwann einmal fertig seien. Obwohl wir natürlich sagen, dass das Persönlichkeitswachstum nie endet. Heißt es doch auch: „Der Weg ist das Ziel“. Hier liegt aber, so glaube ich, ein Missverständnis vor. Das Ziel, darin sind sich alle Suchenden weitgehend einig, besteht aus Attributen wie Gelassenheit, innerer Ausgeglichenheit, konzentriertem Handeln, Harmonie mit sich und seiner Umwelt usw. Wenn dies das Ziel ist, dann müsste der Weg dahin genauso aussehen. Das ist es, was der Satz oben sagt. Eigentlich scheint es ein Paradox zu sein. Einerseits Bewegung, andererseits Ruhe. Bewegen im Verweilen. Es fordert von uns ein hohes Maß an Bewusstheit, diese beiden Momente in jedem Augenblick in Einklang zu bringen. Beide sind gleichsam die Hälften einer Kugel. Ist nur Bewegung, herrscht sinnentleerte Dynamik. Ist nur Verweilen, herrscht Trägheit und Stillstand.

Der folgende Text stammt aus Rabindranath Tagores „Sadhana“ (innere Entwicklung), in der Übersetzung von Helen Meyer-Frank, München 1921:

„Wir sehen, wie im Abendlande der Mensch hauptsächlich darauf bedacht ist, sich nach außen hin auszudehnen. Das freie Feld der Macht ist sein Gebiet. Er hat nur Sinn für die Welt der äußeren Ausdehnung und mag mit der Welt des inneren Seins, der Welt, wo seine Vollendung liegt, nichts zu tun haben, ja, er glaubt nicht einmal daran. Er ist so weit gekommen, ­dass es für ihn nirgends Vollendung zu geben scheint. Seine Naturwissenschaft redet immer von der nie endenden Entwicklung der Welt. Seine Philosophie hat jetzt angefangen, von der Entwicklung Gottes zu reden. Sie wollen nicht zugeben, dass er ist; sie behaupten, dass auch er ewig werdend ist. Sie erkennen nicht, dass das Unendliche, wenn es auch über jeg­liche bestimmbare Grenze hinausgeht, doch zugleich vollstän­dig ist; dass Brahrna auf der einen Seite in ewiger Entwicklung und auf der anderen die Vollendung ist; dass er sowohl Wesen wie Offenbarung ist, beides zu gleicher Zeit, wie das Lied und das Singen dasselbe ist.“

Lassen wir Tagores Gedanken auf uns wirken. Es ist seine Meinung und seine Erfahrung. Wir müssen sie mit unserer Wirklichkeit vergleichen und das ist auch der Sinn jedes Geschriebenen.

Stoff zum Nachdenken, lieber Leser. Wenn wir nicht nach Pushkar gereist wären, wäre ich dann mit diesen Gedanken in Berührung gekommen? Vielleicht, vielleicht auch nicht? Wahrscheinlich muss jeder seinen eigenen Weg gehen und sich seine Anstöße auf seine eigene Weise holen, der Mann in Pushkar, Ich, Sie.