Last Orders

IMG 20190406Manche Erlebnisse, liegen sie auch schon Jahrzehnte zurück, vergisst man nie.

Es war an einem Novemberabend 1977 und ich saß mit Astrid und Jürgen, zwei Freunden, die in England lebten, im „George“, dem Dorfpub von Charmouth an der Südküste von Dorset.

Jeder hatte ein Pint of Bitter vor sich. In der Kneipe ging es hoch her und der Wirt kam mit dem Zapfen kaum hinterher.

Damals herrschte noch der begrenzte Bierausschank in England, und um 22.50 Uhr wurde die Messingglocke hinter der Theke geläutet, verbunden mit dem Ausruf: „Last orders, please!“

Immer wenn sich der Mensch gedrängt oder eingeschränkt fühlt, wird er panisch oder widerborstig. So auch hier. Kaum war die Ansage heraus, stürmten alle an die Bar, um sich noch ein Pint zu sichern, selbst wenn man ein fast volles Glas vor sich stehen hatte. Denn, welch schreckliche Vorstellung, wenn das ausgetrunken war, saß man auf dem Trockenen.

So hatten wir also unsere zwei Gläser vor uns und ich meinte zu den Freunden: „Da muss ich morgen wieder Yoga machen, dass es kracht.“

Will heißen, dass ich glaubte, die „Sünden“ dieses Abends abbüßen zu müssen. Jürgen, ein Anhänger der nondirektiven Psychotherapiemethode nach Carl Rogers, lächelte mich an und fragte, was ich mir da antun wolle und warum? Dieser Zwang bringe doch gerade das Gegenteil.

Damals stand ich noch ganz am Anfang meiner Suche und hatte von Yoga wenig Ahnung. Ich hatte mir das Buch „Light on Yoga“ von B. K. S. Iyengar gekauft und zwang mich zu den Übungen, die darin beschrieben waren. Iyengar, so wurde erzählt, würde Stricke gebrauchen, um seine Schüler in die entsprechenden Asanas zu zwingen.

Für autoritär erzogene Menschen, und das waren wir damals fast alle, verstärkte diese rigide Haltung noch das, was wir eigentlich los werden wollten. Hatten wir doch in der Gammler-und Hippiezeit ganz andere Werte kennengelernt. Love and Peace und Flowbewusstsein, das war jetzt angesagt.

Disziplin ist eine sehr zweischneidige Sache. Man kann sich so richtig „die Keule geben“. Härte gegen sich ergibt immer Härte nach außen. Andererseits kann man auch nichts Neues lernen ohne Disziplin.

Einige Jahre später, es war auf einer nächtlichen Zugfahrt III. Klasse von Mysore nach Goa, las ich ein kleines Büchlein von Jiddu Krishnamurti, das mich tief beeindruckte. Seine Kernbotschaft lautete: „Just be aware what is!“ „Werte nicht, beurteile nicht“. „Sieh den Baum an, vergleiche ihn nicht mit anderen Bäumen. Jeder Vergleich ist eine Diskriminierung“.

„Versuche nicht, Erfolg zu haben. Erfolg schafft Unfreiheit!“

„Die Freiheit von Konditionierung ist kein direktes Resultat. […] Wenn ich aktiv versuche, mich von meiner Konditionierung zu befreien, dann bringt dieses Verlangen wiederum seine eigene Konditionierung hervor. Ich zerstöre vielleicht eine Form der Konditionierung, aber verfange mich dabei in einer anderen. Durchschaue ich hingegen das Verlangen an sich, was auch den Wunsch, frei zu sein, einschließt, dann löst eben dieses Verstehen jegliche Konditionierung auf. Die Freiheit von der Konditionierung ist ein Nebeneffekt. Sie ist nicht wichtig. Wichtig ist zu verstehen, wie und wodurch Konditionierung entsteht.“

Collected Works of J. Krishnamurti, Band XIII, S. 326

Sie merken vielleicht, dass es sich im Grunde um die Quadratur des Kreises handelt. Wahrnehmen, ohne zu werten, setzt ein hohes Maß an Bewusstheit und Konzentrationsfähigkeit voraus. Um das, wenigstens ansatzweise, zu lernen, muss man üben, z.B. durch Asanas und Pranayamas und das, was in den Yamas und Nyamas steht. Dazu gehört eine gewisse Regelmäßigkeit – und da wären wir wieder bei der Disziplin, die uns auch „einsperren“ kann.

Heute, nach fast fünfzig Jahren, bin ich zu folgendem Schluss gekommen:

Es bedarf eines Zieles, gewissermaßen eines Leuchtturms, dessen Licht uns den Weg weist.

„Was will ich im Leben erreichen?“, wäre eine wichtige Fragestellung. „Will ich weise werden, will ich möglichst viel Spaß haben oder möchte ich reich werden?“

Wenn die Antwort lautet: „Ich möchte das Sein in seiner Totalität verstehen und durchdringen“, dann ist es zweitrangig, wie viele Schleifen man im Leben zieht, wie oft man „auf die Fresse fällt“. Das Ziel ist präsent. Auch der Widerspruch zwischen Disziplin und „Let go“ löst sich auf, denn der Mensch ist bereit, gewaltige Anstrengungen zu unternehmen, um ein Ziel zu erreichen.

 

Zum Schluss ein Beispiel für das, was ich meine. Ich habe es schon öfter erwähnt. Manchmal werde ich gefragt, „ob ich heute schon Yoga gemacht habe“. Ich sage dann immer, dass ich 24 Stunden „Yoga mache“. Dabei mache ich fast nie irgendeine Körperübung. Am Anfang des Weges aber müssen alle Bereiche eingeübt werden, denn – es ist wie in der Musik, ohne geduldiges Üben kann man nicht spielerisch improvisieren.

Sadhana ist ein Lebensweg, bei dem Zeit keine Rolle spielt. Der Leuchtturm muss nur immer wieder aus dem Nebel aufleuchten.

 

 

 

 

 

 

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