Wie viele andere auch, bin ich in den 70er Jahren nach Indien gefahren, um mich von der Weisheit des Ostens inspirieren zu lassen. Viele von uns hatten eine verkorkste Beziehung zum „heimischen“ Christentum. Wir hatten den Ausspruch „und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt“ in vielerlei Hinsicht noch erlebt.
Es ging ja immer um Schuld und Sünde.
Indien versprach einen ganz anderen Ansatz, garniert mit Räucherstäbchen, den Beatles und Maharishi Yogi.
Om Peace Om! Es war aber nicht nur der Reiz des Neuen. Nein, dieses religiös-philosophische Neue war unbelastet von diesem „wenn du nicht brav bist, kommst du in die Hölle“.
So tauchte man also ein in die Welt des Buddhismus und des Hinduismus. Shiva in seinen vielfältigen Formen erschien uns als Freund. Arjuna und das Mahabharata wurden vertraut und die Figuren darin waren lebendig.
Viele wandten sich dem Buddhismus zu. Auch ich verbrachte meine Zeit u.a. in einem tibetischen Kloster und fixierte zwei Stunden die weiße Wand beim Zazen.
Heutzutage operiert jeder mit dem Begriff Karma. Es erscheint so logisch und einsichtig.
Wenn man sich allerdings ohne den ganzen alten Ballast und ohne Vorurteile den christlichen Aussagen zuwendet, entdeckt man dieselben Inhalte wie im Osten.
Aber – die Sprache ist die Luthers und die hat keinen buddhistischen Pep.
Zum Beispiel das Folgende:
„Wer den Armen gibt, leiht es dem Herrn, und der Herr wird es reich belohnen.“ (Sprüche 19,17)
„Herr“ geht heutzutage gar nicht. Frau hat ja sogar schon die These aufgestellt, dass der Herr eigentlich eine Frau sei. Beides ist oberflächlich.
Im Hinduismus würde man es als Paramatman bezeichnen. Es ist die unendliche, formlose und allumfassende göttliche Essenz, die das gesamte Universum durchdringt.
Luther in seinem Exil auf der Wartburg nannte es, entsprechend dem damaligen patriarchalischen Zeitalter, „Herr“.
Vor allem Aristoteles prägte die Begriffe „esoterisch“, dem „inneren Kreis zugehörig“, und „exoterisch“, „nach außen gerichtet“.
Exoterisch liest sich das folgende Zitat wie eine Tirade voller Sünde, Schuld und Strafe.
Esoterisch interpretiert, ist es so zu verstehen: Wer sich nicht im Äußerlichen verliert, ist im Dharma. Wer sich in der Welt verliert, das heißt „außerhalb der Liebe ist“, schafft sich seine eigene Hölle. Es ist dazu nicht nötig, in irgendwelche feurigen Tiefen zu fahren. Das schaffen wir im gegenwärtigen Leben, wenn wir nicht immer wieder „ins Reich“ zurückkehren. Des „Menschen Sohn“, das heißt das Prinzip Liebe, schickt keine strafenden Engel. Diese„Engel“ sind unsere Rachsucht, Missgunst, Neid usw., also unsere ganz private Hölle.
„Da ließ Jesus das Volk von sich und kam heim. Und seine Jünger traten zu ihm und sprachen: Deute uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker. Er antwortete und sprach zu ihnen: Des Menschen Sohn ist’s, der da guten Samen sät. Der Acker ist die Welt. Der gute Same sind die Kinder des Reichs. Das Unkraut sind die Kinder der Bosheit. Der Feind, der sie sät, ist der Teufel. Die Ernte ist das Ende der Welt. Die Schnitter sind die Engel. Gleichwie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird’s auch am Ende dieser Welt gehen: des Menschen Sohn wird seine Engel senden; und sie werden sammeln aus seinem Reich alle Ärgernisse und die da unrecht tun und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird sein Heulen und Zähneklappern. Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich. Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“
Der indische Heilige Ramakrishna (1936-1986) fand in allen Religionen Erleuchtung.
Man kann aber auch alle missbrauchen und missverstehen.

