Die Lampe des Schusters

Edf
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Im Görlitz des 16. Jahrhunderts lebte ein Schuster namens Jakob Böhme. Einst saß er in seiner Schusterstube und arbeitete.

Alte Leute kennen diese Schusterwerkstätten noch. Sie waren klein. Der Schuster saß auf einem Schemel an einem niedrigen Tisch Es war außerhalb des Tisches immer etwas halbdunkel, weil nur eine Schirmlampe herabhing, die lediglich das unmittelbare Arbeitsumfeld beleuchtete.

Früher, zu Böhmes Zeiten, gab es natürlich noch kein elektrisches Licht. Man beleuchtete mit Öl, Talg, Waltran oder Wachs. Um die Leuchtkraft zu verstärken, hatte man seitlich der Flamme einen Spiegel oder eine reflektierende Blechscheibe angebracht.

Eines Tages nun saß Meister Böhme bei der Arbeit und sah dabei, wie so oft vorher, von seiner Tätigkeit auf und sah den Lichtschein, den die Lampe an die dunkle Wand der Werkstatt warf.

Diesmal allerdings war es anders. Blitzartig überkam ihn die Erkenntnis, dass das Licht ohne die es umgebende Dunkelheit nicht sichtbar wäre.

Aus Böhme wurde einer der profundesten Mystiker und Philosophen seiner Zeit. Er erkannte, dass das Sein in Gegensätzen stattfand. Die ganze Schöpfung ist ein dynamischer Prozess zwischen den Gegensätzen.

Das sogenannte Böse ist ein Teil des Göttlichen. Gott ist nicht nur Liebe und Klarheit, sondern auch Strenge und Zorn.

Das Leben findet zwischen diesen Gegensätzen statt. Auch wir Menschen tragen diese Gegensätze in uns. Wir müssen uns darüber klar sein, dass wir weder das eine, noch das andere Moment in uns eliminieren können.

Aus diesen Antagonismen entwickelt sich die Energie, die dunklen Elemente zu verwandeln.

Besonders zu Weihnachten, zu den üppigen Festtagen, wird immer wieder eine alte Volksweisheit zitiert: „Es ist nichts schlimmer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen.“

Wenn die Feiertage um sind, kehren alle, zwar mit einigem Bedauern in die Alltagswelt zurück, aber auch ein bisschen froh, dass das Wohlleben wieder vorbei ist. Eine ähnliche Erfahrung machen auch Kreuzfahrttouristen nach einer Woche üppiger Buffetrestaurants.

Böhmes Ideen finden wir auch bei Hegel. Ebenfalls hier der Gedanke, dass es ohne Konflikt zu keiner Entwicklung kommt.

Für das tägliche Leben bedeutet das, dass es Energieverschwendung ist, sich zu grämen, wenn wieder eine dunkle Seite in uns an die Oberfläche gekommen ist. Sie ist nichts anderes als der notwendige „Treibsatz“ für unseren weiteren Entwicklungsprozess.

Es geht darum, von dem Gut und Schlecht-Denken wegzukommen. Das bringt nichts anderes als Energielosigkeit und Selbstmitleid.

In dem indischen Epos Ramayana wird das Leben von Rama, einer Inkarnation Vishnus geschildert.

Er erscheint uns jedoch nicht als Gott, sondern als Mensch, der wahrlich vieles zu durchleiden hat. Durch Intrigen einer der Ehefrauen seines königliche Vaters wird er, der rechtmäßige Thronfolger, mit seiner Frau Sita für Jahrzehnte in den Dschungel verbannt.

Dann erregt die Schönheit Sitas die Gier des Dämons Ravana, der sie nach Lanka (heute Sri Lanka) entführt. Zusammen mit dem treuen Affenkönig Hanuman gelingt ihm in kriegerischer Auseinandersetzung Sitas Befreiung. Schließlich kehrt er zurück an den Königshof und nimmt seinen rechtmäßigen Platz ein.

All dies trägt er in Gleichmut als Teil des Daseins. Wir waren ja nicht dabei, vielleicht hat auch er ab und zu gedacht: „So ein Mist!“ Wir wissen es nicht.

Wir können diese Geschichte und die Gedanken Böhmes aber zum Anlass nehmen, unser allzuleicht geäußertes Gemecker über alles und jedes zu reduzieren.

„Jetzt muss ich das schon wieder machen. Das Unkraut hab‘ ich doch erst letzte Woche gejätet. Kochen muss ich auch noch usw. usw.“

Es ist alles so unnötig! Es verschwindet ja nicht. Wenn es verschwunden ist, bist du tot!

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