Wir kennen viele Arten des Genießens. Unsere Sinne sind wach und geschärft. Entsprechend unseres Einkommens ist es uns möglich, uns mit exquisiten Dingen zu umgeben. Nun ist unser Denken ein eigentümliches Wesen. Es ist unersättlich in seinem Hunger nach Eindrücken. In der Regel geben wir dem auch ohne Hemmung nach. Die Folge ist, dass unser Suchen nach Genuss in unzählige Richtungen geht. Das Ganze spielt sich gewöhnlich zum überwiegenden Teil auf der materiellen Ebene ab und gibt uns einfach ein gutes Gefühl. Wenn wir das erste mal das neue Geschirr auf dem ästhetisch gedeckten Esstisch sehen, die dazu eingeladenen Gäste warten auf das mit Sorgfalt zubereitete Menü, dann ist das etwas erhebendes, etwas, dass uns über das tägliche Erleben hinaushebt. Wir berühren in gewissem Sinne eine höhere Dimension. Ob es sich nun um Reiseandenken handelt, um schöne Bücher oder um neue Blumen für den Garten, alles ist Teil unserer Identität. Manchmal mögen wir inmitten unserer Welt stehen und dann fühlen wir ganz intensiv, das ist unser Leben, das sind wir.
Es geht also bei den Dingen, die wir erwerben weil sie uns gefallen nicht nur um das haben wollen. Sie geben uns auch ein Gefühl des zuhauseseins in dieser Welt. Sie sind Teil unserer Persönlichkeit. Wir schaffen uns damit einen ganz privaten Kosmos der uns aber auch von dem der Anderen trennt. Es wäre wichtig, diesen Stellenwert des materiellen zu erkennen und ihn folglich richtig einzuordnen.
Die meisten von uns umgeben sich mit Schönem Wir sehen darin unbewusst einen Abglanz der universellen Schönheit. Ich denke, dass in jedem von uns ein Sehnen nach einer Erhöhung unserer selbst ist. Da ist oft ein Gefühl des verloren seins in einer Welt des permanenten Wandels. Dann ist es ein beliebtes Lösungsmittel, „shopping“ zu gehen. Eine schöne Neuerwerbung vermag dunkle Gedanken zu vertreiben. Wir sind mit dem neuen Stück sozusagen wieder ein Stück reicher geworden. Unsere Persönlichkeit hat dazu gewonnen, auch in der Darstellung nach außen. Wir haben uns auf der anderen Seite aber auch wieder ein Stück abgegrenzt und den Zaun wieder ein Stückchen höher gebaut. Dieser Prozess wiederholt sich immer und immer wieder. Wenn wir genau hinschauen, dann können wir erkennen, dass uns das ausschließliche agieren auf der materiellen Ebene, trotz der gebotenen Schönheit und Befriedigung daraus auf einer bestimmten Bewusstseinsebene festhält. Eine Lösung wäre, wenn es gelänge, auf eine höhere Ebene des Erlebens zu kommen. Wenn wir uns mit der Welt verbinden könnten, wir sie uns in ihrer ganzen Schönheit zueigen machen könnten, ohne den Umweg über die Materie, die uns ja auch bindet.
In seinem Buch „Return to the Source“ bedauert Lanza del Vasto, dass wir immer wieder des Schönen bedürfen, um die Ganzheit und Gewaltigkeit der Schöpfung zu erkennen. Ich denke, es wäre lohnenswert, unsere Wahrnehmung für Schönes zu entwickeln und zu verfeinern. Wenn ich in asiatischen Ländern bin, dann stehe ich manchmal staunend vor unendlich feingeschnitzten Elfenbeinminiaturen und ich habe den Wunsch, eine davon zu besitzen. Ich kenne diesen Wunsch seit vielen Jahren und ich werde ihn mir nie erfüllen weil ich die Bilder und Berichte von hingeschlachteten Elefanten im Gedächtnis habe und immer wieder fasziniert bin, von der Schönheit dieser Giganten. Ein anderes Beispiel. Vor vielen Jahren sah ich ein Foto einer französischen Bäuerin, die Gänse stopfte. Das heißt, dass diesen armen Tieren, Maiskörner in die gestreckten Hälse gestopft werden, um bei ihnen Gänseleberpastete gewonnen wird. Nie, habe ich mir damals geschworen, werde ich Gänseleberpastete essen. Ein anderes Bild ist inzwischen bestimmend geworden.
Wir fahren manchmal in einen kleinen Ort an der Altmühl. Dort gibt es eine stadtbekannte Gans, sie hat auch einen Namen, den ich inzwischen vergessen habe. Diese Gans läuft vollkommen frei im ganzen Ort herum. Jeder kennt und respektiert sie. Wir haben sie beobachtet und entdeckten, dass das nicht ein x-beliebiger Gänsebraten ist, sondern eine Persönlichkeit mit Charaktereigenschaften. Auch hier kann man die Ästhetik des Gaumens gegen die Schönheit des Lebendigen austauschen. Es geht bei allem um den Sinn, den wir dem Leben zumessen. Für mich liegt der Sinn darin, zu versuchen, die engen Grenzen des Egos zu erweitern und zu einer mehr ganzheitlicheren Schau der Realität zu kommen. Es wäre vermessen, die unio mystica erreichen zu wollen. Jedoch, kann ich schon wahrnehmen, dass es ein Unterschied in der Befindlichkeit ist, wenn ich, bildlich gesprochen, auf der Gänseleberebene oder auf der Ebene der Gänsepersönlichkeit bin.
(Wird fortgesetzt)

