Yogis und Revolutionäre

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Im Yogasutra 5/II wird Avidya, eines der fünf Klesas, definiert. Dort heißt es:

Avidya ist, wenn man ein vergängliches Objekt als dauerhaft, ein unreines Objekt als rein, Leid als Freude und das Nicht-Selbst als das Selbst betrachtet.

In seinem Kommentar gibt Vyasa, der Autor des Mahabharata, folgendes Beispiel: „Seht dieses Mädchen, liebreizend und zart wie der Neumond, ihr Körper scheint aus Honig und Nektar, gleichsam eine Tochter des Mondes, Augen wie Lotosblüten…“

An der Nürnberger Sebalduskirche gibt es das Hochzeitstor, durch das die Brautpaare im Mittelalter zur Trauung schritten. Wenn man ins Innere tritt, trifft man auf eine Frauenstatue von perfekter Schönheit. Geht man auf die Rückseite, sieht man ein Gewimmel von Würmern. So soll erinnert werden, dass das Äußere, das wir alle so bewundern, vergänglich ist.

Tatsächlich ist der Körper ein höchst wandelbares Ding, dem Verfall ausgeliefert und ständiger Pflege erheischend.

Durch den permanenten Wandel der materiellen Welt wird letztlich aus jeder Freude Leid. Jedes Wiedersehen endet in einem Abschied. Wir versuchen, dem mit Weisheiten wie „man soll dann aufhören, wenn es am schönsten ist“ entgegen zu wirken. Selbst in Hass und Ärger finden wir (zunächst) Befriedigung. „Dem hab‘ ich es gegeben“ – bis zum unvermeidlichen Katzenjammer.

A-vidya ist nicht Nichtwissen, sondern falsches Wissen (Vidya = Weisheit, Erkenntnis).

Dieses Festhaltenwollen an Dingen, die eigentlich vergänglich sind, entspringt der Angst vor Veränderung. Im Yoga nennen wir das Abhinivesa. Es ist in letzter Konsequenz die Angst vor dem Sterben.

Ich habe schon oft über die Gunas geschrieben, jene Grundmomente, aus denen die Materie besteht und die sich in ständiger Bewegung befinden und so das „Weltentheater“ aufmachen. Einerseits sind wir sehr damit einverstanden, denn wer möchte schon, dass immer Winter ist, oder dass der Arbeitstag nie endet. Allerdings ist Schluss mit lustig, wenn wir nach einem schönen Erlebnis in Düsternis verfallen oder wenn das neue Auto anfängt zu rosten.

Nehmen wir einen kurzen Moment an, die Welt würde wirklich stillstehen, und alles würde bleiben, wie es ist. Arm würde arm bleiben. Die Kranken würden nicht genesen und an den gesellschaftlich-politischen Zuständen würde sich nie etwas ändern, um nur einige Beispiele zu nennen. Es wäre eine erstarrte Welt.

Im Grunde bedeutet Vidya das Einverstanden sein mit der Gesamtheit von fortwährenden Veränderungen.

Aber, und das ist der Haken, man kann sich nicht herauspicken, was einem gefällt und den Rest ablehnen.

Diejenigen unter ihnen, die öfter auf dieser Seite sind, wissen, dass ich rege an den politischen Prozessen dieses Landes interessiert bin. Es stehen uns bewegte Monate bevor, an deren Ende sehr kontroverse Wege beschritten werden, mit denen ein Teil der Bevölkerung sehr einverstanden ist, während der andere Teil mit Grauen erfüllt ist.

Wie geht man damit um? Ich denke, die schlechteste aller Möglichkeiten ist das vor sich hin hadern mit dem, was passiert.

Vidya heißt, das Unabänderliche des Wandels zu sehen, weil es das Wesen des materiellen Seins ist.

Wer es andererseits als sein Dharma erkennt, zu kämpfen für das, was er als richtig erachtet, sollte das tun. Das ist weitaus besser und vor allem gesünder, als nur innerlich unzufrieden zu sein.

Hier begegnen sich Yogis und Revolutionäre.

Im Yogasutra 32/II geht es um das große Gelübde, das der Yogi ablegt, nämlich nie und unter keinen Umständen Gewalt anzuwenden, zu stehlen oder die Unwahrheit zu sagen – und wenn es das Leben kostet. Warum? Weil er erkannt hat, dass es sinnlos ist, Energie in etwas zu investieren, was vom Wesen her niemals dauerhaft sein kann und letztlich immer zu Frustration führen muss.

Ganz anders der Revolutionär. Er hat sich entschieden, für das, was er für richtig hält, zu kämpfen und eventuell zu sterben – so wie Sophie Scholl, deren 100. Geburtstag wir dieser Tage begingen. Sie starb, weil sie den Wandel, der damals stattfand, nämlich die Umwandlung Deutschlands in eine faschistische Diktatur, nicht akzeptieren wollte.

Aus Sicht des Yogis ein sinnloses Unterfangen, außer eventuell für sie selbst, wenn ihr Handeln zu innerem Wachstum führte.

Der Yogi engagiert sich mit äußerster Konsequenz auf der Ebene des Ewigen-Permanenten. Der Revolutionär mit der gleichen Vehemenz im Strudel des, letztlich nicht zu steuernden, Vergänglichen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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