Langeweile

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Weihnachten steht vor der Tür, das Fest der Liebe – und des Konsums. Gegenwärtig ist letzterer durch Corona ziemlich eingeschränkt, aber wir versuchen trotzdem nach Kräften zu shoppen und wenn es Online ist.

Langeweile wird gerne mit shoppen vertrieben.

In irgendeinem meiner Aufsätze auf dieser Seite habe ich folgendes Zitat erwähnt: „Was ist der Unterschied zwischen einem Weisen und einem Normalsterblichen?“ Antwort: „Wenn der Weise isst, dann isst er. Wenn er geht, dann geht er…“

Wenn er also etwas tut, gleichgültig was, dann tut er es ganz. Wir wissen alle, dass das nicht leicht ist. Wenn man ganz genau hinsieht, dann leben wir eigentlich unser Leben nur zur Hälfte. Das ist in den meisten Fällen aber schon gut gerechnet. Denn Leben leben heißt eigentlich, das gegenwärtige Leben zu leben (schöner Satz, was?). Meistens aber sind wir mit den Gedanken in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Diese Gedanken sind auch mit den entsprechenden Gefühlen assoziiert. Wir regen uns dann auf über Geschehnisse, die so vielleicht gar nicht ablaufen, weil die Dinge einen ganz anderen Verlauf nehmen oder wir uns nicht mehr dafür interessieren. Unser Leben wird damit ereignislos, wir produzieren Langeweile, denn es passiert ja nichts.

Eigentlich passiert jedoch eine ganze Menge, denn die Welt um uns herum findet ja statt. Die Autos fahren, die Vöglein zwitschern, der Wind streicht um unser Gesicht, das Licht spielt zwischen den Wolken und vieles mehr. Wir aber nehmen all diese interessanten Vorgänge nicht wahr, weil wir gar nicht da sind. Wir sind mit unserer ganzen Person in Sphären, auf die wir absolut keinen Einfluss haben. Sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft entziehen sich unserem Einfluss. Was für eine Energieverschwendung!

Am Ende des Tages sagen wir dann: „Was für ein langweiliger Tag, nichts ist passiert. Lass uns weggehen und ein bisschen Äktschen machen. Shoppen wäre auch nicht schlecht…“

So geht das jeden Tag und so vergeht unser Leben.

Jetzt in dieser Coronazeit haben wir die Chance, uns und unsere Realität anders zu leben. Wir werden vom Virus und von der Regierung gezwungen, zu entschleunigen. Anstatt darüber zu trauern, dass wir dieses oder jenes nicht machen können, sollten wir eine andere Stufe der Wahrnehmung beschreiten.

Ich hatte heute so einen Tag, wo ich schon beim Aufstehen gemerkt habe, dass das Dasein nicht besonders prickelnd sein wird. Ein bisschen Gitarre geübt: „Oh Mann, ist das mühselig!“ Lesen machte auch keinen rechten Spaß. Mit dem Kater spielen. Der wollte schlafen. „Ach wäre das schön, wenn man jetzt in der Karibik wäre.“

In so einer Situation könnte man so richtig schön grantig werden. Aber – das Coronatraining hat schon Früchte getragen. Ein geflügeltes Wort bei uns ist „unspektakulär“ geworden. Es heißt, in den letzten Wochen war nichts Spektakuläres los. Life as usual!

Wenn man das annimmt, dann kommt Qualität ins Dasein. Das sogenannte Kleine gewinnt an Wert. Was steht eigentlich dagegen, sich zu langweilen? Warum nicht einfach herumstehen und den Himmel anschauen?

Wir möchten gerne etwas erreichen, dem Leben einen Sinn geben. Wie, wenn der Sinn darin besteht, es mit allem Einverständnis zu leben? Was sollte es denn sonst sein? Haben wir auch nur den geringsten Einfluss auf irgendetwas, das weiter weg ist als das Ende der Straße, in der wir wohnen?

Wir sollten sehr genau hinschauen, wie weit unser Wollen reicht. Wenn wir das nämlich falsch einordnen, gehen wir am eigenen Leben vorbei.

Die Hindus nennen das „sein Dharma erkennen“.

Hat das Fließen des Wassers einen Zweck? Nein, hat es nicht. Es fließt einfach und vollbringt damit wahre Wunder.

Übersetzt heißt das: „Wenn dir langweilig ist, dann ist dir langweilig. Wenn du Hunger hast, dann iss.“ Das alles „ist“ einfach. In des Wortes wahrster Bedeutung. Wenn wir beginnen, das zu verinnerlichen, sind wir auf dem Weg der Weisheit.

 

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