Kürzlich bummelte ich durch den Mediamarkt, weil Technik doch irgendwie faszinierend ist und stieß auf eine Gamingausrüstung, die ich so bisher nicht gesehen hatte.
Auf einem halbkreisförmigen Tisch, in einer wunderschönen blauen Farbe gehalten, stand ein ebenfalls halbkreisförmiger Monitor mit gut 1,3 m Länge. Links und rechts davon gruppierten sich die Lautsprecherboxen.
Vor dem Ganzen stand ein Gamingchair, vielfältig verstellbar und ergonomisch gestaltet.
Ich stelle mir das toll vor. Es ist Nacht, die Welt ruht. Man sitzt vor seiner Gamingstation. Die Lautsprecher oszillieren geheimnisvoll blau im Rhythmus des Geschehens auf dem Bildschirm. Die Welt draußen existiert nicht mehr. Man sitzt bequem und warm und ist Herr des Geschehens. An sozialen Kontakten mangelt es nicht, denn diverse Partner sind am Spielprozess beteiligt und man kennt sich, wenn auch nur als Avatar.
Kritische Gemüter, so wie ich, sagen jetzt: „Das ist doch eine Kunstwelt und hat mit dem richtigen Leben doch gar nichts zu tun. Das ist doch alles nur virtual reality.“
Gewiss, gewiss, aber tun das nicht die Meisten von uns? Leben wir wirklich im „richtigen Leben“? Die sogenannten Realisten vor allem sind vollkommen davon überzeugt und haben meist nur ein müdes Lächeln übrig für die Utopisten und Romantiker.
Frage: „Wer kann sagen, dass er heute beim Spaziergang wirklich dort war, wo sein Körper war?“ Ich wage jetzt mal zu behaupten, dass die Mehrzahl von uns mindestens zu zwei Dritteln der Zeit in der Vergangenheit oder in der Zukunft weilen.
Apropos Zukunft! Denken wir jetzt mal wirklich zurück und schauen uns die vergangenen Zukunftsprognosen an. Als die jungen Männer von 1914 begeistert in den I. Weltkrieg marschierten, versprachen sie lachend ihren Liebchen (so nannte man das damals): „Sorg‘ dich nicht um mich, Weihnachten bin ich wieder zuhause.“
Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, waren viele überzeugt, dass Deutschland einer goldenen Zukunft entgegen geht.
Gegenwärtig schweben verschiedene Damoklesschwerter über uns, vorzugsweise über uns Deutschen. Wir sorgen uns um das Weltklima. Wir wissen ganz genau, dass wir um 2035 herum keine Kohlekraftwerke mehr brauchen und suchen unser Heil bei Wind und Sonne. Wir ignorieren, dass in 59 Ländern 1400 neue Kohlekraftwerke im Bau oder in der Planung sind. Wir sind aber überzeugt, dass wir das Klima retten können und sind auch bereit, unsere Autoindustrie zu ruinieren, wegen des Feinstaubs und so. Wer einmal durch Monsterstädte wie Bombay, Chennai und Delhi gegangen ist, weiß, dass die Menschen, und es sind weit mehr als wir, dort andere Sorgen haben.
Um unsere Sorgen zu vergessen, gehen wir dann gerne in den deutschen Wald, der früheren Prognosen zufolge gar nicht mehr stehen dürfte.
1983 wurden im Rahmen des Nato Doppelbeschlusses Pershing II Mittelstreckenraketen in Deutschland aufgestellt, um der Bedrohung durch sowjetische SS 20 Raketen Paroli zu bieten. Damals schrieb der Journalist Hermann L. Gremlitza in der Zeitschrift Konkret, dass das Politbüro in Moskau innerhalb der nächsten Wochen entscheiden würde, ob es zu einem Präventivschlag ausholen würde, um der Bedrohung zuvor zu kommen. Ich sehe mich noch heute sorgenvoll den Nürnberger Burgberg hinauf spazieren, weil ich diese Schreibe als real nahm.
Im Moment sind alle fest überzeugt, dass wir durch die Einführung des Elektroautos gerettet werden. Mich plagen Befürchtungen bezüglich des Stroms, wenn nach Feierabend 50 Millionen Elektroautos aufgeladen werden müssen. Ich hoffe, dass ich durch den Wald der dafür erforderlichen Windräder noch ein bisschen Natur sehen kann.
Schließlich noch ein ziemlich bekanntes Beispiel aus dem zwischenmenschlichen Bereich- nach Paul Watzlawick „Die Geschichte vom Hammer“:
Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Aber vielleicht war die Eile nur vorgeschützt, und er hat etwas gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts angetan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen, bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht’s mir wirklich. – Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er »Guten Tag« sagen kann, schreit ihn unser Mann an: „Behalten Sie Ihren Hammer, Sie Rüpel!“
Zum Schluss stellt sich die Frage: „Lebt der Gamer in einer Fantasiewelt oder die, die scheinbar fest auf dem Boden der Tatsachen stehen?“
Wir leben alle in einer Traumwelt aus Vorstellungen, Wünschen, Ängsten und Befürchtungen. Das ist das ewige Spiel der Gunas, deren Teil wir sind.
Wenn wir uns jeden Tag ein Viertelstündchen absichtslos hinsetzen würden, um unserem Atem zu lauschen (nicht um ihn zu regulieren), könnte das recht hilfreich sein, etwas Distanz zu gewinnen. Es lohnt sich, denn eine andere Welt könnte sich zeigen. Die reale.

