Die Yamas

Die Yamas sind die Bezähmungen. Ohne sie ist Yoga, wenn es richtig verstanden wird, und zwar in dem Sinn wie ich ihn oben beschrieben habe, nicht möglich. Dir wird der Einschub im letzten Satz aufgefallen sein. Zugegebenermaßen kann man eine Art Yoga betreiben, ohne sich mit den Yamas zu beschäftigen, denn die Körpertechniken bewirken auch ohne sie, wenigstens bis zu einem bestimmten Grad, eine Steigerung der Energie und des Selbstbewusstseins. Da Yoga jedoch in dieser Form betrieben nur das Ego aufbläht, verfehlt es seinen Zweck und ist auf der Ebene einer sportlichen Betätigung anzusiedeln.

Es gibt fünf Yamas.

Das erste, worauf sich die anderen vier auch in irgendeiner Form beziehen, ist Ahimsa.

Das bedeutet, den Willen zu einer gewaltlosen, andere nicht verletzenden Lebensführung. Ein Yogi ist absolut gewaltlos, in jeder Beziehung, ohne Rücksicht auf persönliche Konsequenzen. Dies nennt man das große Gelübde. Gewalt in jeder Form entspringt der Angst um die materielle Existenz. Da der Yogi all sein Streben auf den Purusa richtet, wäre es widersinnig, die materielle Existenz durch eine Anwendung von Gewalt, zum Beispiel zur Verteidigung zu schützen. Ist die Materie, zu der auch sein Körper gehört doch nichts als ein Spiel der Gunas. Da er das präsente Leben lediglich als eines in einer Kette von Daseinsabschnitten sieht, er seine Existenz zudem von Karma determiniert wahrnimmt, besteht für ihn kein Grund, den Prozessen, die sein Leben betreffen, Widerstand entgegenzusetzen. Die Beachtung der Yamas sind eine Voraussetzung zur Schwächung der Klesas. Erinnere dich nur an Raga, das Anhaften an lustvolle Dinge. Wie oft sind wir bereit, gewalttätig zu werden, um sie zu verteidigen. Dasselbe gilt natürlich auch für alle anderen Klesas. Das Leben ist gewalttätig, in einem nicht moralisch zu sehendem Sinn. Wer nicht um sein Überleben kämpft, das heißt, seine Interessen wahrt, geht unter. Das betrifft die Maus, die sich vor dem hungrigen Bussard schützt genauso wie dich in deiner Arbeitswelt. Auch hier musst du deine Position behaupten. Das sieht auf den ersten Blick nicht immer gewalttätig aus. Grundsätzlich ist es aber ein Gegeneinander. Das „Ich” gegen die Anderen. Dies birgt im Kern immer Gewalt. Indem der Yogi aus diesem Spiel aussteigt, setzt er der Welt der Phänomene bewusst einen Kontrapunkt entgegen. Diesen Gedanken des sich bewusst aus dem Leben, so wie es ist, Herausziehen, finden wir auch in allen anderen Yogatechniken. Das ist zwangsläufig so, will sich der Yogi doch auf die Suche einer Realität hinter der sinnlich wahrnehmbaren Welt begeben. Dies ist mit ”normalen Mitteln nicht möglich. Da das Überleben also immer Gewalt mit sich bringt, ist es das oberste Ziel des Yogi, nicht mehr geboren zu werden. Kurz gesprochen, dient die Praxis von Ahimsa  der Unterdrückung der grausamen und gewalttätigen Tendenzen in uns Menschen; denn nur ein  aggressionsfreies Denken ist zur Meditation fähig.

Wenn ein Mensch in der Lage ist, seine Negativität zu überwinden, dann wird er dafür mit einer gewaltigen Akkumulation von Energie belohnt. Das heißt, er besitzt eine Ausstrahlung, die von anderen Lebewesen wahrgenommen wird. Sie empfinden keine Bedrohung und greifen ihrerseits nicht an, sondern verhalten sich zutraulich. Wir finden dieses Phänomen zum Beispiel in der Person des Franz von Assisi.

Das zweite Yama ist Satya, die Wahrhaftigkeit. Es geht dabei darum, nur das auszusprechen, was man als richtig wahrgenommen hat. Das Denken der Normalmenschen ist häufig voller Imaginationen, Wünschen und Vorstellungen. Wir sind von Dingen überzeugt, die sich später als falsch herausstellen. Dies wiederholt sich immer und immer wieder. Der Yogi spricht nur das aus, was er nach reiflicher Überlegung und in meditativer Versenkung als wahr erkannt hat. Da sein Denken diszipliniert ist und nicht mit Phantasien in Form von Romanen, Filmen etc. befasst ist, ist seine Wahrnehmung erheblich tiefer, nämlich auf der Ebene der Gunas. Er beschäftigt sich nicht mit den Phänomenen, sondern mit den Potentialen, die in einer Endität angelegt sind. Nehmen wir zum Beispiel eine Beziehung zwischen zwei Liebenden. Es liegt im Wesen einer solchen Verbindung, dass Leidenschaft eine Rolle spielt. Dies bringt die Süße, nach der die beiden streben. Leidenschaft „schafft” aber auch Leid. Starke Gefühle nach der einen Seite schlagen ebenso stark nach der anderen Seite aus. Das ist ein Teil des Potentials einer Liebesbeziehung. Die Phänomene sind Glücksgefühle, Verschmelzen aber auch Wut, Hass und Ärger. Der Yogi wird also nicht einen der beiden schelten, weil er sich gegen den anderen ”gemein” verhält. Seine Aussage wird vielmehr dergestalt sein, dass sie seine Auffassung über das Wesen von Liebesbeziehungen wiedergibt. Das heißt, sein Handeln korrespondiert mit der inneren Wahrnehmung. Folglich dient seine Aussage in dem erwähnten Beispiel beiden Partnern, indem sie ihnen die Augen öffnet.

Hinzu kommt bei Satya noch, dass Erkenntnisse, die Andere schmerzen oder verletzen, nicht ausgesprochen werden. Auch hier findet sich wieder das Primat der Gewaltlosigkeit. Satya erfordert ein hohes Maß an Konzentration und Wahrnehmungsfähigkeit. Insofern hat es auch einen technischen Aspekt ( die beiden genannten Fähigkeiten gelten im Yoga als Techniken des Denkens).

Steya ist das Bedürfnis, etwas zu nehmen, was einem nicht gehört. Asteya ist die Eliminierung dieses Wunsches. Hier wird die Idee der Freiheit, die in der Befolgung dieses ethischen Konzepts steckt, besonders deutlich. Ein Mensch, der keinerlei Bedürfnis hat, etwas zu besitzen, was ihm nicht zutiefst gehört, ist frei.

Brahmacarya ist die Zügelung der Sexualität. Es beinhaltet das Wort Brahman das Unfaßliche, das Allgöttliche. Ein Brahman -Acarya, ein „Wissender um das große Eine” wird sich nicht in der Sexualität verlieren, weil sie ihn bindet. Jeder von uns weiß, dass sie nicht nur beglückt, sondern auch „Leiden schafft”. Das bedeutet eine Störung des großen Ziels. Der Yogi ist nicht mehr an dieser menschlichen Beziehung interessiert, sondern strebt die große Beziehung, die Unio Mystica mit Gott an. In den höheren Stufen des Yoga ist es zudem äußerst wichtig, ein absolut ruhiges, stabiles Nervensystem zu haben. Die Sexualkraft ist eine starke Energie, die sich der Yogi erhalten will.

Aparigraha ist das Fehlen der Habsucht. Die Motivation hierfür ist  das Wissen um die Vergänglichkeit alles Materiellen.

Diese fünf Yamas darfst du nicht im Sinn von Geboten verstehen, die dem Yogi von außen auferlegt sind. Vielmehr handelt es sich um Aspekte der Persönlichkeitsbildung, die zum Erreichen des großen Zieles nötig sind. Jede kleinste Verfehlung zeigt sich sofort und bedeutet einen Rückschlag. Ein Yogi, der seine Sinne nicht unter Kontrolle hat und begehrliche Blicke auf das Haus des Nachbarn richtet, kann sein Denken nicht auf einen Punkt konzentrieren. Er muss viel Energie aufwenden, um dieses ”Vergehen” gegen das Prinzip Aparigraha wieder aus seinem Denken zu entfernen. Im Grunde ist es ein Training, dem sich jeder von uns auch unterwirft, wenn er ein Ziel, zum Beispiel das Bestehen einer Prüfung, erreichen will. Nur ist hier äußerste Konsequenz erforderlich.

Aus „Das Yogalehrbuch“ Gerhard Pflug, Schirner Verlag 2004

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