Selbstverantwortung

Vor ein paar Monaten besuchten wir Kenia. Seit Jahren hatte ich das Gefühl, es sei an der Zeit, einmal die großen Tiere zu sehen und zwar nicht im Zoo, sondern in ihrem freien Lebensraum. Meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Ich war tief beeindruckt von der Stärke, der Eleganz und der absoluten Autonomie der Tiere. Da waren keine Wesen, die für uns Menschen etwas zu tun hatten – Eier zu legen oder Milch zu liefern. Nein, hier waren Individuen, die nach dem ursprünglichen Plan ein selbstbestimmtes Leben leben sollten und nicht zu unserer Belustigung da waren.
Sie waren auch nicht nett oder süß. Das sind doch die Attribute, mit denen wir Tiere belegen. Oh nein, diese Tiere waren gefährlich, sie würden sich zu wehren wissen. Das ist ungewohnt für uns moderne Menschen, die wir gewohnt sind, dass sich uns alles unterordnet, zumal für uns Westeuropäer, die wir nur Rehe und Hasen kennen.

 

Ich war auch sehr von den Menschen beeindruckt. Ich sah, wie sie vom Morgengrauen bis in die Nacht für ihren Lebensunterhalt arbeiteten. Trotzdem wirkten sie uns gegenüber freundlich und ausgeglichen und strahlten eine natürliche Lebensfreude aus. Natürlich konnten wir aus unserer Touristensicht nicht in die Tiefe sehen, insofern bleiben meine Eindrücke oberflächlich.

Afrika erscheint uns Europäern in der Regel als ein problembeladener Kontinent. Hunger, Dürre, Kriege, Massaker, Korruption. Wenn wir ehrlich sind, so denken wir manchmal; „Irgendwie bringens’s die nicht, diese „Neger“. Natürlich sind wir dabei auch beteiligt. Wenn zum Beispiel die EU den Export von Hähnchenfleisch, Tomaten und Milch subventioniert, um die heimische Landwirtschaft zu stützen, dann gehen die einheimischen Produzenten pleite, weil sie mit diesen Billigangeboten nicht konkurrieren können. Unsere Konzerne beuten die Rohstoffvorkommen des Kontinents aus. Das Nigerdelta ist vom Ölkonzern Shell verseucht, sodass die Menschen dort öliges Wasser zu trinken bekommen. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Sind wir also wieder mal schuld?

Vor einigen Monaten las ich von Volker Seitz sein Buch „Afrika wird armregiert, dtv 2009“. Seitz, der unter anderem Botschafter in Kamerun war, plädiert dafür, Entwicklungshilfe in ihrer bisherigen Form abzuschaffen. Sie sorge dafür, dass sich in den afrikanischen Staaten korrupte Eliten an der Macht halten und auf der anderen Seite die Übernahme von Verantwortung für das eigene Schicksal verhindert wird. Wenn man sich nur einmal das Spielzeug, dass aus Blechdosen gefertigt ist ansieht oder die vielfältige Musik dieses Kontinents, dann erahnt man, welche Energie und Kreativität dort vorhanden ist.

Aber – und das bringt mich zum eigentlichen Thema dieses Artikels, man muss den Menschen ihre Selbstverantwortung übertragen und auch lassen.
Das gilt für Individuen, Gruppen und auch für Völker.

Wir Menschen haben ein gehöriges Beharrungsvermögen. Wir ändern Verhaltensweisen in der Regel nur dann, wenn es gar nicht mehr anders geht.

Ich habe in Therapien immer wieder erlebt, dass Klienten die Verantwortung für sich auf den Therapeuten übertragen wollten. „Jetzt hilf mir mal und sag, was ich tun soll.“ Wenn man in diese Falle tappt, hat man verloren, denn der Klient kann sich dann zurücklehnen und beliebig kritisieren oder ablehnen.
Carl Rogers, der Begründer der klientenzentrierten Psychotherapie sagt, dass jeder von uns im tiefsten Inneren genau weiß, wie die Lösung aussehen muss. Was uns daran hindert, ist die Angst, neue Wege zu beschreiten. Es geht also nicht darum, das Problem für jemanden zu lösen, sondern die Blockaden zu beseitigen, die es dem Einzelnen unmöglich machen, sich selbst zu helfen. Das beinhaltet auch, neue Strukturen zu schaffen. Im Falle von Nationen könnte das bedeuten, in kleineren Einheiten zu helfen, damit die Leute ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können, anstatt alimentiert zu werden. Mohamed Junus, der Friedensnobelpreisträger hat vorgemacht, wie so was gehen könnte.
Es geht auf keinen Fall darum, Menschen alleine zu lassen und zynisch zu sagen, nun kommt mal alleine klar.
Vielmehr geht es darum, wie oben geschildert, sich nicht in eine Falle locken zu lassen und den Klienten, sei es ein Individuum oder eine Land, in seinem unselbständigen Verhalten auch noch zu bestärken. Es kann doch nicht sein, dass ein blutiger Diktator wie Robert Mugabe, jahrzehntelang in Saus und Braus mit seiner Clique leben kann und sein Volk wird ärmer und ärmer und das Ganze bezahlt von den reicheren Nationen.

Menschen neigen dazu, alles mögliche für ihre Misere verantwortlich zu machen. Afrika macht heute noch vielfach den Kolonialismus, der jetzt immerhin um die sechzig Jahre zurückliegt, verantwortlich. Männer beschuldigen ihre Frauen und umgekehrt.

Gerade Yoga bietet ein ausgefeiltes System für Veränderung basierend auf Selbstverantwortung. Indem man diese Verantwortung für sich wahrnimmt, steigt auch die Energie, etwas zu erreichen.
Dies kann man jederzeit ausprobieren.

G: Pflug Jan. 2010

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