Vom Wildwasser zum ruhigen Strom

Img 20240417 161001Das Grundproblem menschlicher Existenz ist, dass die Welt außerhalb des Individuums nicht kontrollierbar ist.

Wie also ist es möglich, ein zufriedenes Leben zu führen, ohne von den äußeren Umständen zu sehr negativ beeinflusst zu werden?

Ohne eine gewisse philosophische Weltsicht, Marx nannte das den philosophischen Überbau, in die wir die Geschehnisse, die uns widerfahren einordnen können, ist das schwerlich möglich. Im Yoga bezeichnen wir das als Jnana, das bedeutet das Wissen darum, wie die Welt funktioniert.

Die Grundingredienzien, aus denen die Materie aufgemacht ist, nämlich das Treibende (Rajas), das Träge (Tamas) und das Gleichgewicht zwischen beiden (Sattva), sind in konstanter Bewegung, selbst wenn wir das nicht wahrnehmen.

Das Stahlblech unseres neuen Autos fängt schon an zu rosten, während wir es nach Hause überführen.

Yoga sagt, dass die Materie, also das, was wir sinnlich wahrnehmen, nur den Zweck hat, uns zu Erfahrungen zu verhelfen, die uns zur Erkenntnis führen. Das bedeutet, dass sich diese Ingredienzien (Gunas) individuell so gruppieren, dass wir genau diese Erfahrungen machen, die wir benötigen. Deshalb sind die Erfahrungen und Erlebnisse eines anderen nie die gleichen wie unsere eigenen und sie sind nicht besser und auch nicht schlechter.

Das Wesentliche an diesen Prozessen ist, dass wir diese Ereignisse so lange „vorgesetzt“ bekommen, bis wir sie „begriffen“ haben, das heißt, bis wir ihnen mit Gleichmut und Liebe begegnen.

 

Soweit zunächst zur äußeren Welt.

Die Weisen sagen, dass wir nur die innere Welt unter Kontrolle haben. Damit sind unsere Gefühle, Gedanken, Wünsche, Sehnsüchte, Likes und Dislikes, Erwartungen und Ängste gemeint.

Das ist für einen Yogi durchaus richtig, weil er durch die Techniken des Yoga, die er konsequent praktiziert, sein Denken und seinen Körper kontrollieren kann.

Für gewöhnliche Sterbliche ist das nicht so leicht. Wir haben unsere Erziehung, die vielleicht nicht so optimal verlaufen ist, hinter uns. Wir haben unsere verborgenen Schatten, die wir gerne,auch vor uns selbst, verbergen möchten. Und wir haben unsere tiefsitzenden Süchte und diverse Verhaltensweisen, die partout nicht von uns weichen möchten. Das alles versucht, uns täglich vorzuführen, dass wir unser Inneres eben nicht in der Hand haben. Zudem korrespondiert das Innen ständig mit dem Außen.

Täglich nehmen wir Eindrücke auf, die uns zur Weißglut bringen oder uns deprimieren. In solchen Momenten fühlen wir uns gleichsam außen gesteuert und fühlen uns wehrlos ausgeliefert und es dauert, bis wir wieder Herr unserer Selbst sind.

 

Ich habe seit vielen Jahrzehnten einen vergilbten, schon fast unleserlichen Zettel über dem Schreibtisch hängen, den mir einmal ein Freund gab. Darauf steht:

 

„Das Wichtigste für uns ist, auch dem schlimmsten Weg nicht auszuweichen, wie er auch beschaffen sei, und rein verstandesmäßig das Beste anzustreben.

Wichtig ist es, durch alles hindurch zu schreiten, was als Lebens-Wirklichkeit auf uns zukommt.

Mit anderen Worten:

Angenommen, ich falle in die Hölle, dann ist eben die Hölle mein Leben, und ich lebe es zu Ende. Wenn ich ins Paradies komme, so ist das Paradies mein Leben, und ich lebe es voll aus.

Das ist die Einstellung, die wir beziehen müssen.“

 

Das ist es, was die Gunatheorie aussagt. Es ist völlig zwecklos, dem ständigen Wandel und der damit verbundenen Unsicherheit Widerstand entgegensetzen zu wollen. Wir sollten ständig daran arbeiten, gleichsam durchlässig zu werden für das, was sich ereignet und versuchen, unser Denken und Fühlen im Augenblick zu halten, anstatt in das innere Tohuwabohu hineinzugehen.

 

Epiktet, der Stoiker, bringt es auf den Punkt. Frei zitiert sagt er:

„Wenn man ins Bad geht und erwartet, dass man nicht nass wird, ist man ein Narr. “

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