Ameisen

Wir Menschen sollten uns ab und zu bewusst machen, dass wir in unserem Dasein nicht viel anders existieren als die emsigen Ameisen, die in rastloser Tätigkeit auf ihrem Haufen herumwuseln. Wir glauben fest daran, dass unser Handeln etwas bewirkt, ja, dass es gar den Lauf der Geschichte ändert. Mir gehen seit vielen Jahren die Geschwister Scholl nicht aus dem Kopf. Junge engagierte Menschen, die ihr Leben daran setzten, die menschenverachtende Diktatur der Nationalsozialisten zu beenden. Auf der gleichen Ebene liegt das Handeln des Grafen Stauffenberg, der Hitler mit einer Bombe töten wollte. Oder Georg Elser, der ebenfalls eine Bombe in einer Säule des Münchner Bürgerbräukellers deponierte, um Hitler zu töten. Er wurde gefasst und Hitler überlebte.

Die Naziherrschaft wurde beendet, als Russen und Amerikaner in Deutschland einmarschierten. War also das Wirken all dieser Widerständler vergebens? Haben sie Leben und Freiheit umsonst geopfert? Wir wissen es nicht. Wir wissen sehr wenig. Wir wissen nicht mehr, als die Ameise, die eifrig mit dem erbeuteten Blatt zu ihrem Bau unterwegs ist.

Hier wird eines der Prinzipien des Karma Yogas ganz deutlich: „Achte nicht auf die Resultate deines Handelns. Handle um des Handelns willen.“ Die Konsequenzen unseres Handelns entziehen sich unserem Willen. Wie mein Lieblingsstoiker Epiktet sagt: „Solange du einen Gedanken noch nicht ausgesprochen hast, solange hast du alles unter Kontrolle. Ab dem Moment, wo er deine Lippen verlässt, hast du keinen Einfluss mehr darauf.“

Auf der anderen Seite können wir nicht einfach aufhören etwas zu tun. Selbst wenn wir uns still in die Ecke setzen, tun wir was und bewirken etwas. Zum Beispiel, wenn einer vorbei kommt und uns sieht. Vielleicht denkt der sich: „Was für ein fauler Sack, sitzt hier einfach in der Ecke.“

Manchmal sieht man alte Grabinschriften. Eine davon bewegt mich immer sehr: „Wanderer, da wo du jetzt bist, war ich auch. Wo ich jetzt bin, wirst du auch sein.“

Ich finde, in diesem Satz wird die ganze Dimension unserer Existenz deutlich. Wir sind in einem ständigen Strom der Zeit des Werdens und Vergehens. Sicher, wir haben unsere Aufgaben, entsprechend der Rolle, die wir gerade spielen. Wir sind Eltern, Untergebene, Vorgesetzte usw. Aber – alles, was uns bleibt, ist, unser Bestes zu geben. Wenn das Leben unserer Kinder gelingt, sind wir glücklich, denn wir haben sie erzogen und uns Mühe gegeben. Aber – es hätte genauso auch schief gehen können und wir hätten nichts tun können. Das relativiert den Stolz, den wir manchmal ob unseres Handelns empfinden.

Ich habe einmal einen Film über gefangene Juden im KZ gesehen. Eine Szene ist mir dabei ganz deutlich in Erinnerung geblieben. Die Häftlinge standen in einer Reihe und der SS – Mann schritt die aufgereihten Gefangenen ab. Einen würde er sich herauspicken, das war sicher. Alle bemühten sich, ihn ja nicht auf sich aufmerksam zu machen. Aber – es kam wie es kommen musste. Einer war dran. Mit höhnischem Grinsen stand der Scherge vor dem Häftling und befahl ihm, den Talmud zu besudeln. Ein unmögliches Verlangen für einen Juden. Der Mann weigerte sich, trotz der schweren Prügel bis zuletzt und – starb.

Er starb in dem Bewusstsein, das Rechte getan zu haben.

Seitdem bewegt mich die Frage nach der Sinnhaftigkeit seines Tuns. Man könnte genauso sagen, er habe das Spiel, dessen Regeln der Scherge vorgab, gespielt. Der Häftling hat sich also unterworfen. Was, wenn er sich gesagt hätte: „Was bist du für mich? Du bist ein Nichts! Was immer du von mir verlangst, ist wie Fliegengesumm in meinen Ohren. Niemals wirst du in mein Inneres oder an meinen Glauben oder meine Überzeugungen herankommen. Alles, was du von mir siehst, ist nur äußerlich.“

Indem er sich also den Regeln des Schergen unterwarf und dafür starb, hat er diesem den Sieg über sich eingeräumt. Sicher, die Nachwelt sieht ihn als Held, aber ist das wichtig?

Wer weiß denn um mein Verhältnis zu meinem Gott? Und – ist Gott darauf angewiesen, dass ich ihn verteidige?

Ich maße mir über diese Fragen kein Urteil an. Da mag jeder selbst zu einer Lösung kommen.

 

Ich habe in den „Streiflichtern“ einen Vers von Omar Chajjam  aus seiner Dichtung Rubaijat eingefügt:

„Oh meine Kinder, erwacht, bevor in eurem
Pokal der Saft des Lebens versiegt.“

Mit diesem Erwachen ist gemeint, dass wir uns nicht im täglichen Hin und Her verlieren sollen, sondern dass uns bewusst wird, dass hinter diesem ständigem Strom der Erscheinungen eine göttliche Wahrheit ist. Dass das alles nur Spiel ist, das gespielt werden muss, da wir nun einmal da sind.

Es ist wie in dem Bild von der Fata Morgana. Der Verdurstende hält sie für real, aber ohne die Sonne wäre sie nicht da.

 

 

 

 

 

 

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