Aller Anfang ist schwer

IMG 20251128Die erste Nacht im Yogainstitut Mumbai im Juni 1978 oder „Von einem, der auszog, Yogalehrer zu werden“.

… Während ich so an der Brüstung stand und die Zeit vergehen ließ, öffnete ich mich langsam dem Zauber dieser ersten Tropennacht. Ich hörte das Rascheln der Palmblätter. Der ganze Garten war mit Kokospalmen bepflanzt. Schemenhaft nahm ich das träge Flügelschlagen der Raben war, die in den Wipfeln nächtigten. Die laue Luft umschmeichelte mich, ich hatte mein Hemd längst ausgezogen. Der Himmel leuchtete rot, war so ganz anders als das normale Schwarz über dem kleinen Dorf zuhause. Es ging auf 22 Uhr zu, Zeit schlafen zu gehen. Man solle sich an den angegebenen Zeitplan halten, hatte es geheißen. Eine feste Routine hilft, psychische Veränderungen zu bewirken. Ich war ja hier, um genau das zu erreichen. Ich wollte an die „Leichen im Keller“ heran, also war ich bereit, den Anweisungen zu folgen…

…Die Hitze, die unter dem muffigen Moskitonetz herrschte, brachte mich recht schnell wieder auf Heimatgedanken. An Schlaf war nicht zu denken. Das Wasser lief mir in Bächen herunter, obwohl ich splitternackt auf dem Laken lag.

…„Es ist jetzt 22.45 Uhr, du musst jetzt endlich einschlafen. Morgen, spätestens um 6 Uhr ist die Nacht herum. Dann musst du fit sein zur Meditation.“ „Kann denn ein Mensch unter diesen Umständen schlafen?“ Draußen braust das Leben. Hunde bellen, Autos hupen, es geht auf 24.00 Uhr zu. IIIIIIIIiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii, es wird doch wohl kein Moskito unter dem gleichnamigen Netz sein? Doch, ich höre ihn ganz deutlich. Nur wo ist das Biest? Zum Teufel mit Ahimsa, der im Yoga gepredigten Gewaltlosigkeit. „Er oder ich.“ Show down in Santa Cruz. Zwar nicht um 12 Uhr Mittags, High Noon, aber um 12 Uhr Nachts, Midnight Cowboy. „Wie kommt das Mistvieh unter mein Moskitonetz? Klar, hier ist ein Loch. Warum bitteschön gibt man mir kein intaktes Moskitonetz?“ Also raus aus dem Bett, das Netz nur so wenig wie möglich lüpfen, um nicht noch mehr Blutsauger einzulassen und die Taschenlampe aus dem – natürlich verschlossenen, man weiß ja nie – Koffer holen. Der natürliche Aufenthaltsort von Koffern in Zimmern ist unter dem Bett, dem ebenfalls natürlichen Aufenthaltsort von Moskitos. Bis ich die Taschenlampe und gleich auch das Systral gefunden und den Koffer wieder abgeschlossen und verstaut hatte, war ich schon um zwei Stiche reicher. Jetzt aber schnell wieder unter das Netz. Gott sei Dank ist das Loch ziemlich weit unten, sodass es unter die Matratze gestopft werden kann. Jetzt brauche ich bloß noch den verdammten Moskito zu finden, dann kann ich endlich schlafen.

„Wie soll das vier Monate weiter gehen? Ich denke, ich werde mich die nächsten Tage wegen eines früheren Rückflugs erkundigen. Noch nicht gleich, so 14 Tage bleibe ich, soll ja nicht so aussehen, als wenn ich kneife. Ich kann ja triftige Gründe anführen. Für Nordeuropäer ist es hier einfach zu heiß. Was aber werden die zuhause sagen, wenn ich schon wieder auftauche? Und was wird aus dem, was ich mir eigentlich vorgenommen habe, nämlich mit mir selbst ein Stückchen weiterzukommen und außerdem will ich Yogalehrer werden. Auf Bildern sieht das immer so toll aus. Weißgekleidete, teilweise bärtige Gestalten unter Palmen in tiefer Meditation, wahrscheinlich schon kurz vor dem Nirvana. Von den 40 Grad, den Moskitos und der Luftfeuchtigkeit von 95% sagt keiner was. Mist, Mist, Mist!“

Morgens zwischen 3 und 4 Uhr ist die Stunde der Hunde. Tagsüber führen sei ein Leben noch viele Stufen unter dem niedrigsten Unberührbaren. Niemand füttert sie. Sie bekommen Schläge und erschrecken vor jeder plötzlichen menschlichen Bewegung. Sie sehen erbärmlich aus. Entzündete Augen, Geschwüre, manche sind gänzlich ohne Fell. Sie lösen gleichzeitig Ekel und Mitleid aus. Jetzt aber um diese Stunde ist ihr großer Auftritt. Wütendes Heulen und Kläffen dringt ins Zimmer. Gefährliches Knurren, gefolgt von entsetztem Aufheulen verrät erbitterte Zweikämpfe. Hier müssen ganze Rudel ihre Revierkämpfe austragen. Auch unter den Schwachen und Rechtlosen gibt es Herrscher und Untergebene. Irgendwie finde ich das trotz meiner Müdigkeit und dem Ärger über den Krach tragisch.

Irgendwann scheine ich dann doch eingeschlafen zu sein. Jedenfalls weckt mich meine Armbanduhr pünktlich um 6.00 Uhr. Es ist stockdunkel. „Wie kann es Anfang Juni um 6 Uhr noch finster sein? Ach ja, die Tropen, plötzliche Dämmerungen ohne Übergang, kennt man ja aus Abenteuergeschichten. Ich bin hundemüde, wie soll ich jetzt 2 Stunden meditieren?“

Ich klettere aus dem Bett. Das Moskitonetz riecht muffig. Da ich alleine im Haus bin, kann ich nur mit Unterhose bekleidet in den schräg gegenüber liegenden Sanitärtrakt gehen. Dort riecht es feucht, so als wenn man seine Nase tief in einen Siphon steckt. Aus dem Spiegel sieht mich ein übernächtigtes Gesicht an. „Halt Stopp, nicht das Wasser aus dem Hahn zum Zähneputzen nehmen, du bist in Indien.“ Also raus auf den Flur zum Wasserfilter und den Zahnputzbecher füllen. Vor einer Meditationssitzung sollte man auch die Toilette aufsuchen. Die Stehklos, wie sie hier üblich sind, kannte ich schon aus Frankreich und Italien. Die Variante hier riecht nach indischen Gewürzen und wird auch von den Ameisen geschätzt, sodass ich neben dem Vorgang, zu dem ich hergekommen war, auch noch meine Füße gegen die lieben Tierchen verteidigen muss. Natürlich habe ich Verstopfung. Das bisschen Essen schafft nicht den nötigen Ballast. Außerdem setze ich mich wie üblich unter Druck. Es ist unfassbar, was da für Gedankenspielchen ablaufen: „Wenn du nun schon bei der Meditation sitzt und dann plötzlich musst? Was dann?“ Und dergleichen mehr. Als ob ich auf meiner jetzigen Geistesebene aus dem tiefen Samadhi zurückkommen müsste, um aufs Klo zu gehen…

…Die Dusche ist ein Labsal. Warmes Wasser ist nicht vonnöten. Das kalte ist lauwarm genug. Ich genieße das Wasser. Irgendwie vermittelt der warme Strahl ein Gefühl von Geborgenheit. Zu schnell ist es Schluss damit. Ich weiß, dass ich Wasser sparen muss. Das Institut bekommt nur eine bestimmte Menge pro Tag zugeteilt. Außerdem zwingt mich mein Umweltbewusstsein sowieso dazu.

Der Morgen ist noch kühl. Ich habe alle Fenster in meinem Zimmer geöffnet und genieße den Luftzug, während ich meine Asanas ausführe. Während des Sitzens im halben Lotussitz kommen mir alle möglichen Gedanken. Keine Spur von Gedankenleere. „Wird sich das wohl jemals ändern?“

Auszüge aus meinem Buch „Jenseits von Benares“

 

 

 

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