Damals Teil II

IMG 20260106Auf dem Bild sehen Sie einen kleinen Jungen in einem Hotelrestaurant beim Frühstück. Drei Erwachsene sitzen dabei und datteln ihrerseits auf ihren Handys.

Der Kleine taucht gelegentlich seinen Löffel in die Schale neben ihm, aber eigentlich ist seine ganze Aufmerksamkeit auf den Bildschirm gerichtet.

Ich hatte beim ersten „Damals“-Artikel gesagt, dass ich gerne weiter ein bisschen in der Erinnerungskiste kramen kann, wenn Interesse besteht.

Dann mach‘ ich das jetzt mal.

In der Pädagogik spricht man von Primär-und Sekundärerfahrungen. Das erstere ist, wenn man ein Lagerfeuer life on stage ansieht, das letztere sieht man sich im Fernsehen an.

In meiner Kindheit gab es nur das Erstere. Es gab kein Fernsehen. Im Radio konnten wir allerdings manchmal die Mumins anhören. Tove Jansson hatte die Figuren schon 1940 ersonnen.

Menschen, die ihre Erlebnisse nicht serviert bekamen, sondern sie sich selbst erschaffen mussten, ticken anders.

Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals ein Erwachsener mit einem von uns gespielt hätte. Das wäre uns in höchstem Maße verdächtig vorgekommen. Wenn ich manchmal sagte: „Mir ist langweilig!“, dann kam die Antwort: „Dann schnauf‘ ein und wieder aus, dann hast du was zu tun.“

Heutzutage wollen die Eltern die Freunde ihrer Kinder sein und machen sich damit zu Narren, indem sie auf jede Forderung ihrer Kinder eingehen, die das auch weidlich ausnützen. Kinder sind ja nicht dumm.

Das Ergebnis sind kleine Monster, die mit nichts zufrieden sind und die Erwachsenen, die übrigens auch ihre Rechte haben, terrorisieren. Sie sind im Verhalten entgrenzt, weil ihnen niemand altersgemäße Grenzen setzt, an denen sie sich orientieren können. Ich habe im Menüpunkt „Pädagogik“ etliches darüber geschrieben.

In meiner Kindheit gingen die Erwachsenen ihren Geschäften nach und wir den unseren.

Ich spreche im folgenden von der Zeit zwischen 1946-1953.

Das Dorf, in dem ich aufwuchs, war auf einer Seite von einem Höhenzug begrenzt und fiel langsam über den Marktplatz hinweg ins Tal ab. Im Winter lag immer Schnee. Dann spannten die Bauern, die Pferde besaßen, das waren die wohlhabenderen, ihre Tiere vor die sogenannten Bahnschlitten. Das waren dreieckige Gebilde, aus Brettern und Balken gezimmert. Auf ihnen stand der „Kutscher“, und dann zogen die Rösser an und räumten eine Bahn, die wie geschaffen zum Schlittenfahren war. Wir hatten natürlich keine Schneeanzüge.

IMG 20240519Auf dem Bild sehen Sie, wie wir gekleidet waren. In den knöchelhohen Lederstiefeln (ein Paradebeispiel von „Eleganz“ ) steckten die mit langen Strickstrümpfen bekleideten Beine. Diese unseligen Strümpfe wurden mit Strapsen, welche an einem Leibchen befestigt waren, gehalten. Dann kam irgendein selbst gestrickter, in der Regel kratzender Pullover, und darüber wohl eine Stoffjacke. Jedenfalls irgendwas Unwichtiges. Wir trugen, ebenfalls selbstgestrickte, Fäustlinge, die mit einer Schnur unter den Jackenärmeln über den Hals hinweg gesichert waren und zusätzlich zu den verdammten Strapsen ziepten. Aber das interessierte niemanden.

Ich erinnere mich an Winternachmittage, die bis in die Dunkelheit dauerten. Wir zogen die Schlitten unaufhörlich den Berg hinauf, banden sie oben zusammen, legten uns auf den Bauch und ab ging es nach unten, über den Marktplatz ins Tal. Es werden wohl 1,5 km gewesen sein. Autos waren nicht zu fürchten, denn das einzige Exemplar im Dorf besaß der Arzt.

Nach kürzester Zeit war alles vollkommen durchnässt und eiskalt.

Wenn wir nach Hause kamen, wurden die Schuhe mit Zeitungspapier ausgestopft und zusammen mit den anderen nassen Klamotten ins „Hölleck“ gehängt. Das war eine dunkle, warme Nische mit einer Bank, über der eine Holzstange angebracht war, an der die Kleidung aufgehängt wurde. Das Ganze befand sich neben dem Kachelofen in der Stube. Die Alten und die nassen Kinder saßen gerne im lauschigen Halbdunkel des Höllecks.

Das ganze Leben von uns Kindern fand ohne Netz und doppelten Boden statt. Wenn man hinfiel oder von einem Schlitten angefahren wurde, dann hatte man eben ein Hörnchen, das am nächsten Tag in allen Farben strahlte. Dafür gab es Franzbrandwein oder Essigsaure Tonerde.

Ein Leben ohne Schutzhelm!

(wird bei Interesse fortgesetzt)

 

 

 

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