Heutzutage, so wird immer behauptet, sei man der Flut an Informationen quasi hilflos ausgeliefert. Die Psyche sei überfordert und das Individuum werde an den Rand des Info-Zusammenbruchs getrieben.
War es früher also besser? Mein Großvater, ein Schneidermeister, erlebte zwei Weltkriege. Einen musste er Gott sei Dank nicht mitmachen, weil er einen leichten Buckel hatte. Für den zweiten war er schon zu alt. Er zog fünf Kinder groß. Sie hatten Hühner, ein Schwein und eine Ziege. Dazu kamen ein paar Streifen Äcker mit Kartoffeln und Gerste für die Hühner und das Schwein, das das Jahr über gemästet wurde und im Januar, wenn es kalt war, geschlachtet wurde, denn es gab keinen Kühlschrank.
Er machte seine Lehre bei einem Meister, 60 km entfernt. Das war das einzige Mal, dass er aus seinem Dorf herauskam.
Die Zeiten waren hart. Die Kinder waren hungrig und die Bauern, die zu ihm kamen, ließen ihre speckigen Anzüge eher wenden, als dass sie sich neue schneidern ließen. Er saß noch im Schneidersitz, mit gekreuzten Beinen auf dem Schneidertisch und nähte. Unter dem Tisch spielte ich mit Stoffresten.
Im Rückblick habe ich nicht den Eindruck, als wenn er, obwohl er nur die Nachrichten im Radio hörte, gelassener gewesen wäre. Die Welt drang auch ins kleine Dorf. Ich erinnere mich, als die ganze Familie vor dem Empfänger stand und der unter dumpfen Trommeltönen verkündeten Nachricht lauschte: „Stalin ist tot!“ Das war am 5. März 1953.
Damals war der kalte Krieg in „voller Blüte“ und man hatte wirklich Angst „vor’m Russ“, weil die Erinnerung noch sehr frisch war.
Auch die täglichen Nachrichten wirkten, nicht immer beruhigend, auf die Menschen ein.
Es war damals schon so wie heute, dass man sehr genau aufpassen musste, was man in sein Denken hineinließ. Und auch damals war es wichtig, dass ein „philosophischer Unterbau“, wie Marx es formulierte, vorhanden war.
Bei meiner Familie war das eine tiefe Gläubigkeit, die in die Haltung mündete:„Der Herr wird’s schon richten.“
Wenn man seine Gedanken Amok laufen ließ, haben sie auch damals schon das Leben höllisch gemacht.
Ich merke, dass allerlei Erinnerungen hochsteigen und ich habe Lust, ein bisschen weiter zu erzählen. Vielleicht interessiert es ja den einen oder die andere, wie „es damals war“.
Das Großelternhaus, in dem ich als Kind die meiste Zeit verbrachte, stand „in der Nachbarschaft“. Das waren drei Bauern mit den Hofnamen Zee, Mohrgörch und Tröster. Hier spielte sich das Leben ab. Wenn die Gemeinde etwas mitzuteilen hatte, kam morgens der „Ausrufer“ in die Nachbarschaft, läutete mit einer Schelle (eine Glocke an einem Holzgriff) und rief: „Bekanntmachung“, woraufhin er mit amtlicher Stimme das, was er zu sagen hatte, nämlich die Nachrichten aus dem Gemeinderat, laut verlas. Er trug Schaftstiefel und eine Schirmmütze. Alles in schwarz. Ich fand das als Fünfjähriger sehr beeindruckend.
Oberhalb des Großelternhauses war die gemeindliche „Bullenhaltung“. Das stand in großen Lettern auf dem Gebäude. Es schien eine Art Stall zu sein. Genaueres wollten sie mir aus unerfindlichen Gründen nicht sagen. Abends jedenfalls, wenn die Stallarbeit getan war, trieb der eine oder andere Bauer gemächlich eine Kuh durch die Nachbarschaft in Richtung Bullenhaltung. Dasselbe geschah mit einer „Ranz“, wie man die Sauen nannte, die den Eber besuchen sollte.
Unnötig zu sagen, dass ich schwer interessiert war, das Geheimnis zu lüften, was mir auch eines Tages gelang, als die Tore einmal offen stehen blieben und ich sah, wie sie den riesigen Stier hinter die in meinen Augen arme Kuh führten, und der sie besprang. Ich war zu Tode erschrocken. Gott sei Dank sah ich sie heil wieder auf dem Nachhauseweg.
Wird (vielleicht) fortgesetzt, wenn es jemanden interessiert, wie es „damals war“.

