Wahlverwandtschaften

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Patanjali schreibt in seinen Yogasutren im zweiten Kapitel Sutra 13: „Das individuelle Karma bestimmt die Art der Wiedergeburt, nämlich in welches Umfeld man hineingeboren wird, wie lange man lebt und die Art der Erfahrungen, die man macht.“

Laut dem sogenannten Tibetanischen Totenbuch, dem Bardo Thödröl, durchläuft der Geist eines Verstorbenen drei Bardos.

Im ersten, dem Tschikhai- Bardo erlebt der Verstorbene das „klare Urlicht“ . Es ist wohl am ehesten gleichzusetzen mit dem Lichttunnel aus den Nahtoderfahrungen. Es ist die kosmische Realität ohne karmische „Verunreinigungen“.

Im zweiten, dem Tschönyid- Bardo gleitet der Geist immer weiter von diesem Licht ab und wird mit den guten und bösen Göttern konfrontiert. Diese sind aber nichts anderes, als seine eigenen Illusionen, Ängste, Wut- und Hassgefühle, kurz – sein Karma.

Wenn es dem Geist gelänge, aufgrund von meditativer Disziplin diese Konfrontationen richtig einzuordnen, sie als das zu definieren, was sie sind, nämlich Illusionen aus vergangenen Erfahrungen, könnte er im klaren Urlicht verweilen und würde nicht wiedergeboren.

Diejenigen, denen das nicht gelingt, gleiten über in den dritten, den Sidpa- Bardo. Hier „überfliegt“ der Geist quasi das Samsara und sucht sich gleichsam einen Mutterschoß oder auch eine Familie in einer Umgebung, die für die Erfahrungen günstig ist, die er im weiteren machen muss auf seinem Weg zur Erleuchtung.

So erblickt dann jedes Individuum entsprechend seines Karmas das Licht der Welt in der Familie eines Brahmanen in gesicherten Verhältnissen oder in der Familie eines Unberührbaren in einem Slum in Bombay.

In beiden Konzepten wird klar, dass dieser Vorgang zunächst völlig frei von irgendwelchen menschlichen Gefühlen ist. Es geht nur um den weiteren Entwicklungsprozess auf dem Weg zu Moksa.

Nach der Geburt verfängt sich das „Geistwesen“ in der Biologie der Welt. Es entwickelt sich die Liebe oder auch der Hass zwischen Mutter und Kind. Der Vater wird das Kind beschützen und die Mutter wird ihr „Junges“ wie eine Löwenmutter verteidigen – oder auch nicht.

Das Karmasaya, das ist das Muster des Karmas, bestimmt, wie oben erwähnt, wie es jetzt weitergeht: Liebe oder Prügel, gesicherte oder prekäre Verhältnisse, Einzelkind oder Geschwister. Die Erfahrungen und die Umstände sind für jeden von uns verschieden.

So gesehen ist das jeweilige Leben wie ein Studium. Das individuelle Karma bestimmt, welche „Scheine“ gemacht und welche Seminare besucht werden müssen.

Leider haben wir alle vergessen, wo wir herkommen und zu welchem Zweck wir da sind. So wie im zweiten Bardo nehmen wir das, was wir erleben sehr persönlich und verkennen, dass nichts, aber auch gar nichts ein Grund ist, sich aufzuregen.

In diesem Licht relativiert sich auch die Beziehung zu unseren Eltern oder anderen Familienmitgliedern. Sie sind, sehr kühl betrachtet, nichts anderes, als Vehikel, die dazu dienen, dass das wiedergeborene Geistwesen die notwendigen Erfahrungen machen kann, die karmisch nötig sind.

Was die ganze Sache kompliziert, ist die Verstrickung in Gefühle und das ständige Schwanken zwischen Sympathien und Antipathien.

Aber – manche von uns, zum Beispiel Sie, lieber Leser, bekommen immer wieder Signale geboten, die die Dinge ins rechte Licht rücken. Wir lesen irgendwo etwas oder kommen während eines Gesprächs auf Gedanken, die uns aus der Maya, der Illusion herausreißen. In solchen Momenten erkennen wir dann, dass all die Menschen und Dinge um uns herum einzig ein Lehrplan für uns sind, um nötige Erfahrungen zu machen.

Es ist sozusagen wie ein Intervalltraining. Wir treffen Menschen mit verschiedensten Eigenschaften. Da sind die Taffen, vor denen wir Respekt haben, da sind die Softies, die Choleriker und wer noch alles. Alle sind als Lehrer für uns da.

Wenn dann einer dieser Lehrer seine Aufgabe erfüllt hat, kann er abtreten und aus unserem Leben verschwinden. Vielleicht, wenn wir gut drauf sind, können wir ihm für seine Rolle danken. Nicht dafür, was er getan hat, das kann ziemlich mies gewesen sein, aber für sein Dasein.