Ich mach‘ jetzt Yoga

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„Und was machst du so?“ „Ich mach‘ jetzt Yoga und das tut mir echt gut.“
Eine beliebte Frage unter Yogaaspiranten ist: „Hast du heute Yoga gemacht?“ „ Nein, leider musste ich ganz früh aufstehen und hatte keine Zeit, aber morgen wieder.“

Im alten Indien, vor ca. 3000 Jahren, genauer gesagt in der Induskultur im heutigen Punjab, hatte man angefangen, nach dem Urgrund des Seins zu forschen. Man vermutete, dass hinter den mit den Sinnen wahrnehmbaren Phänomenen etwas stecken musste, was andersartig war. Etwas, was die Welt, das Leben erst ins Laufen brachte. Man fand das Bild eines in Padmasana sitzenden Menschen. Das sind die frühesten Zeugnisse einer Suche, die schließlich zu dem wurde, was wir heute unter Yoga verstehen.
In eine systematische Form gebracht wurden alle damals bekannten Erkenntnisse von einem gewissen Patanjali, vor sagen wir mal 1500 – 2000 Jahren. Wer das war, weiß keiner genau. Seitdem ist nichts mehr an Wissen, was der Rede wert wäre, dazu gekommen. Er verfasste die sogenannten Yogasutren. Darin wird genau beschrieben, wie der Mensch zu Gotteserkenntnis gelangen kann.

Zentraler Inhalt dieser Sutren ist das sogenannte Astanga Yoga, das Yoga des Achtfachen Pfades. Diese acht Stufen, die nicht synchron oder hintereinander verlaufen müssen, bringen die Erkenntnis.
Ja was denn für eine? Die Erkenntnis, dass der wahre Mensch, auf Sanskrit Purusha, hinter dem ist, was wir als unser Ich bezeichnen. Die Buddhisten bezeichnen das als Buddhanatur. Man beobachtete sich und reflektierte das, was in einem vorging an mentalen und körperlichen Prozessen. Man stellte fest, dass das Ich immer anders war. Man nahm den raschen Wandel der Gefühle und der Gedanken wahr und kam zu der Ansicht, dass das, wofür man sich hielt zwei Stunden später wieder ganz anders aussah. Man stellte weiter fest, dass, wenn man sich ruhig, in aufrechter Haltung hinsetzte und den Atem zur Ruhe kommen ließ, man eine große Ruhe erreichte, die einen die Welt und sich selbst in einer größeren Perspektive wahrnehmen ließ.

Dies war nicht möglich, wenn man aufgeregt oder aggressiv war oder auch dem Geld hinterher jagte und den Nachbarn übers Ohr haute.
Daraus ergaben sich die ersten beiden Stufen des Pfades, die Ethik. Wir kennen das alle. Meide Gewalt, lüge nicht, verplempere nicht deine Zeit und halte dich innerlich und äußerlich rein.

Dann entdeckte man, dass man den Körper miteinbeziehen musste. Die Nerven sollten ruhig sein, die Muskeln geschmeidig, der Atem gleichmäßig usw. Das ist die dritte Stufe, die Asanas. Sie können hilfreich sein, sind aber nicht unbedingt nötig.
Wenn man sich zum Beispiel das erste Gebot der ersten Stufe: „Meide Gewalt in Gedanken, Worten und Taten“ vornimmt und darüber den ganzen Tag reflektiert, dabei zu einem hohen Maß an Selbstwahrnehmung gelangt und das als Übungsinhalt nimmt, wird man feststellen, dass sich, wenigstens partiell, Persönlichkeitsveränderungen einstellen hin zum Positiven.

Wenn meine Yogaschüler mich fragten, ob ich regelmäßig Yoga mache, sagte ich: „Klar, pausenlos“. „Aber wir stehen jetzt doch hier bloß herum und warten, dass der andere Kurs den Raum freigibt??“

Heute gibt es Poweryoga, einer lehrt Übungen unter Saunatemperaturen, der nächste möchte es gerne nackt. Das ist alles sicher ganz nett und macht Spaß, aber das ist nicht Yoga.

Ich habe das an anderer Stelle schon geschrieben. Wenn der Gartenteich völlig unbewegt ist, kann man auf den Grund sehen. Wenn man durch eine entsprechende Ethik auch unter Einbeziehung eines gesunden Körpers zu innerer Ruhe gelangt und dies vervollkommnet, wird man merken, dass man das Getriebe der Welt zunehmend als das wahrnimmt, was es ist. Ein dauerndes Auf und Ab und Hin und Her. Ein Spiel der Materie.
Wenn man der Yogaphilosophie bis zum Ende folgt, dazu gehört, dass man sich von der Welt zurückzieht und den Weg der Erkenntnis geht, dann erkennt man Gott, dann erkennt man sich selbst.

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