Yoga und Psychotherapie Teil 3

Es gibt im Yoga den Begriff Citta, das heißt Geist. In der Citta sind alle Gedanken, Eindrücke und Gefühle gespeichert, die innerhalb einer Reinkarnationsreihe jemals gedacht oder gefühlt wurden. Der grobstoffliche Körper stirbt, Citta bleibt über die Reinkarnationen erhalten.

Hier ist einer der wesentlichen Unterschiede zur Psychotherapie. Sie versucht, das was in einer Lebensperiode geschehen ist, aufzuarbeiten. Deswegen heißt es, Yoga beginne dort, wo Psychotherapie aufhört.

Allerdings gibt es auch in der Psychotherapie, Versuche weiter zurückzugehen. Ich denke hier an die Rückführungen in der Reinkarnationstherapie oder an das Holotrope Atmen nach Stanislav Grof.

Man kann sich kaum vorstellen, wie viele Eindrücke vor diesem Hintergrund in der Citta gespeichert sind und täglich kommen Neue hinzu.

Patanjali unterscheidet fünf Arten der Geistesaktivität, die Inhalte der Citta werden. Die ersten zwei sind Erkenntnis und Irrtum. Dafür wiederum gibt es drei Quellen:

Direkte Wahrnehmung
Wahrnehmungen, gefiltert durch religiöse und philosophische Überlieferung
Rationale Schlussfolgerung
Alle drei können zu Erkenntnis oder Irrtum führen.

Eine weitere Art der Geistesaktivität ist die Einbildung. Das sind Inhalte, die auf Grund irgendwelcher Vorstellungen für wahr gehalten werden. Zum Beispiel mag jemand denken, der oder die kann ihn nicht leiden, weil die Person vorgestern nicht gegrüßt hat.

Als viertes Moment kommt die Erinnerung an vergangenes Denken und zurückliegende Erfahrungen hinzu.

Als letztes zählt Patanjali den Schlaf als Quelle für Inhalte der Citta.

Alle diese Eindrücke „machen“ etwas mit uns. Sie bewirken Zustände, die wir als glücklich oder leidvoll definieren. Jeder weiß, dass sich das alles in Sekunden nach allen Richtungen hin verändern kann.

Psychotherapie und Yoga gehen mit diesen Fakten vollkommen unterschiedlich um.

Carl Rogers definiert als Ziel von Psychotherapie:

Das Individuum soll in einem ständigen Kontinuum von Erfahrungen frei entscheiden können, was es in sein Selbstkonzept aufnimmt und sich entsprechend seiner inneren und äußeren Realität verhalten.

Der Mensch ist nichts Statisches und soll insofern nicht an vergangenen Erfahrungen kleben, sondern lernen, Altes zwar wahrzunehmen, aber in der Lage sein, zu sehen, dass er nicht mehr der ist, der er vor 30 Jahren war, sondern seinen neuen Erfahrungen zu trauen und sich neu verhalten zu können.

Beispiel: „Ich bin nicht mehr das kleine Mädchen, das schüchtern auf dem Schulhof herumsteht. Wenn ich meine heutige Realität anschaue, dann sehe ich, dass ich Freunde habe, die mich schätzen und dass ich mich in Konfliktsituationen gut vertreten kann usw. Ich brauche mich nicht mehr so zu fühlen wie damals.“

Die Psychoanalyse spricht von einer Reduzierung der Macht des Über-Ichs und einer Stärkung der Ich-Kompetenz.

In Freuds Persönlichkeitsmodell entspricht das Über-Ich dem moralischen Wächter in uns, also der Instanz, die uns hindert, unsere libidinösen Tendenzen zu leben.

Also: „Ich lasse heute mal alle fünfe gerade sein und gehe an den See zum Baden, auch wenn Mama immer gesagt hat, was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Ich mache das jetzt einfach, weil ich das so will und weil ich damit klar komme.“

Jeder von uns schleppt vielerlei Strukturen aus längst vergangenen Zeiten mit sich herum. Wir leben mit Ängsten, die wir heute als Erwachsene gar nicht mehr zu haben bräuchten, weil uns keiner mehr in den Keller sperren kann und trotzdem reagieren wir auf scheinbare Bedrohungen immer noch so wie das kleine Kind.

(wird fortgesetzt)