{"id":689,"date":"2017-10-17T08:58:39","date_gmt":"2017-10-17T06:58:39","guid":{"rendered":"http:\/\/gpflug.de\/website\/?p=689"},"modified":"2018-05-25T14:08:03","modified_gmt":"2018-05-25T12:08:03","slug":"ameisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gpflug.de\/website\/2017\/10\/17\/ameisen\/","title":{"rendered":"Ameisen"},"content":{"rendered":"<p>Wir Menschen sollten uns ab und zu bewusst machen, dass wir in unserem Dasein nicht viel anders existieren als die emsigen Ameisen, die in rastloser T\u00e4tigkeit auf ihrem Haufen herumwuseln. Wir glauben fest daran, dass unser Handeln etwas bewirkt, ja, dass es gar den Lauf der Geschichte \u00e4ndert. Mir gehen seit vielen Jahren die Geschwister Scholl nicht aus dem Kopf. Junge engagierte Menschen, die ihr Leben daran setzten, die menschenverachtende Diktatur der Nationalsozialisten zu beenden.<!--more--> Auf der gleichen Ebene liegt das Handeln des Grafen Stauffenberg, der Hitler mit einer Bombe t\u00f6ten wollte. Oder Georg Elser, der ebenfalls eine Bombe in einer S\u00e4ule des M\u00fcnchner B\u00fcrgerbr\u00e4ukellers deponierte, um Hitler zu t\u00f6ten. Er wurde gefasst und Hitler \u00fcberlebte.<\/p>\n<p>Die Naziherrschaft wurde beendet, als Russen und Amerikaner in Deutschland einmarschierten. War also das Wirken all dieser Widerst\u00e4ndler vergebens? Haben sie Leben und Freiheit umsonst geopfert? Wir wissen es nicht. Wir wissen sehr wenig. Wir wissen nicht mehr, als die Ameise, die eifrig mit dem erbeuteten Blatt zu ihrem Bau unterwegs ist.<\/p>\n<p>Hier wird eines der Prinzipien des Karma Yogas ganz deutlich: \u201eAchte nicht auf die Resultate deines Handelns. Handle um des Handelns willen.\u201c Die Konsequenzen unseres Handelns entziehen sich unserem Willen. Wie mein Lieblingsstoiker Epiktet sagt: \u201eSolange du einen Gedanken noch nicht ausgesprochen hast, solange hast du alles unter Kontrolle. Ab dem Moment, wo er deine Lippen verl\u00e4sst, hast du keinen Einfluss mehr darauf.\u201c<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite k\u00f6nnen wir nicht einfach aufh\u00f6ren etwas zu tun. Selbst wenn wir uns still in die Ecke setzen, tun wir was und bewirken etwas. Zum Beispiel, wenn einer vorbei kommt und uns sieht. Vielleicht denkt der sich: \u201eWas f\u00fcr ein fauler Sack, sitzt hier einfach in der Ecke.\u201c<\/p>\n<p>Manchmal sieht man alte Grabinschriften. Eine davon bewegt mich immer sehr: \u201eWanderer, da wo du jetzt bist, war ich auch. Wo ich jetzt bin, wirst du auch sein.\u201c<\/p>\n<p>Ich finde, in diesem Satz wird die ganze Dimension unserer Existenz deutlich. Wir sind in einem st\u00e4ndigen Strom der Zeit des Werdens und Vergehens. Sicher, wir haben unsere Aufgaben, entsprechend der Rolle, die wir gerade spielen. Wir sind Eltern, Untergebene, Vorgesetzte usw. Aber \u2013 alles, was uns bleibt, ist, unser Bestes zu geben. Wenn das Leben unserer Kinder gelingt, sind wir gl\u00fccklich, denn wir haben sie erzogen und uns M\u00fche gegeben. Aber \u2013 es h\u00e4tte genauso auch schief gehen k\u00f6nnen und wir h\u00e4tten nichts tun k\u00f6nnen. Das relativiert den Stolz, den wir manchmal ob unseres Handelns empfinden.<\/p>\n<p>Ich habe einmal einen Film \u00fcber gefangene Juden im KZ gesehen. Eine Szene ist mir dabei ganz deutlich in Erinnerung geblieben. Die H\u00e4ftlinge standen in einer Reihe und der SS \u2013 Mann schritt die aufgereihten Gefangenen ab. Einen w\u00fcrde er sich herauspicken, das war sicher. Alle bem\u00fchten sich, ihn ja nicht auf sich aufmerksam zu machen. Aber \u2013 es kam wie es kommen musste. Einer war dran. Mit h\u00f6hnischem Grinsen stand der Scherge vor dem H\u00e4ftling und befahl ihm, den Talmud zu besudeln. Ein unm\u00f6gliches Verlangen f\u00fcr einen Juden. Der Mann weigerte sich, trotz der schweren Pr\u00fcgel bis zuletzt und &#8211; starb.<\/p>\n<p>Er starb in dem Bewusstsein, das Rechte getan zu haben.<\/p>\n<p>Seitdem bewegt mich die Frage nach der Sinnhaftigkeit seines Tuns. Man k\u00f6nnte genauso sagen, er habe das Spiel, dessen Regeln der Scherge vorgab, gespielt. Der H\u00e4ftling hat sich also unterworfen. Was, wenn er sich gesagt h\u00e4tte: \u201eWas bist du f\u00fcr mich? Du bist ein Nichts! Was immer du von mir verlangst, ist wie Fliegengesumm in meinen Ohren. Niemals wirst du in mein Inneres oder an meinen Glauben oder meine \u00dcberzeugungen herankommen. Alles, was du von mir siehst, ist nur \u00e4u\u00dferlich.\u201c<\/p>\n<p>Indem er sich also den Regeln des Schergen unterwarf und daf\u00fcr starb, hat er diesem den Sieg \u00fcber sich einger\u00e4umt. Sicher, die Nachwelt sieht ihn als Held, aber ist das wichtig?<\/p>\n<p>Wer wei\u00df denn um mein Verh\u00e4ltnis zu meinem Gott? Und \u2013 ist Gott darauf angewiesen, dass ich ihn verteidige?<\/p>\n<p>Ich ma\u00dfe mir \u00fcber diese Fragen kein Urteil an. Da mag jeder selbst zu einer L\u00f6sung kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe in den \u201eStreiflichtern\u201c einen Vers von Omar Chajjam\u00a0 aus seiner Dichtung Rubaijat eingef\u00fcgt:<\/p>\n<p>\u201eOh meine Kinder, erwacht, bevor in eurem<br \/>\nPokal der Saft des Lebens versiegt.\u201c<\/p>\n<p>Mit diesem Erwachen ist gemeint, dass wir uns nicht im t\u00e4glichen Hin und Her verlieren sollen, sondern dass uns bewusst wird, dass hinter diesem st\u00e4ndigem Strom der Erscheinungen eine g\u00f6ttliche Wahrheit ist. Dass das alles nur Spiel ist, das gespielt werden muss, da wir nun einmal da sind.<\/p>\n<p>Es ist wie in dem Bild von der Fata Morgana. Der Verdurstende h\u00e4lt sie f\u00fcr real, aber ohne die Sonne w\u00e4re sie nicht da.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir Menschen sollten uns ab und zu bewusst machen, dass wir in unserem Dasein nicht viel anders existieren als die emsigen Ameisen, die in rastloser T\u00e4tigkeit auf ihrem Haufen herumwuseln. Wir glauben fest daran, dass unser Handeln etwas bewirkt, ja, dass es gar den Lauf der Geschichte \u00e4ndert. 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