{"id":44,"date":"2010-02-25T19:18:10","date_gmt":"2010-02-25T18:18:10","guid":{"rendered":"http:\/\/gpflug.de\/website\/?p=44"},"modified":"2018-05-25T14:14:31","modified_gmt":"2018-05-25T12:14:31","slug":"loslassen-oder-annehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gpflug.de\/website\/2010\/02\/25\/loslassen-oder-annehmen\/","title":{"rendered":"Loslassen oder Annehmen?"},"content":{"rendered":"<p>Ob man es mit Eheberatung, mit Selbsterfahrungsgruppen oder mit Yogagruppen zu tun hat, ist egal. Einfach loslassen hei\u00dft die L\u00f6sung, die oft angeboten wird. Wenn es ein englischsprachiger Trainer ist, hei\u00dft es ganz sanft: &#8222;Just let it go, lass&#8216; es einfach los&#8220;.<br \/>\nWenn du gerade eine Trennung hinter dir hast und leidest wie ein Tier: &#8222;Einfach loslassen!&#8220;<\/p>\n<p>Loslassen ist das Zauberwort aller Entwicklung und Probleml\u00f6sung, wohin auch immer und f\u00fcr was auch immer.<br \/>\nKann mir irgendjemand von einem Fall von einiger Ernsthaftigkeit berichten, wo er oder sie es geschafft hat, &#8222;einfach los zu lassen&#8220;?<!--more--><\/p>\n<p>Schauen wir uns die Sache mal etwas genauer an.<\/p>\n<p>Eigenschaften oder Verhaltensweisen, die wir als positiv empfinden, wollen wir in der Regel nicht loslassen. Nein, es sind die ungeliebten Attribute, die \u00c4ngste, die neurotischen St\u00f6rungen, die S\u00fcchte und die im tiefen Keller unseres Seins verborgenen Gemeinheiten, die wir loslassen wollen. Warum? Weil wir darunter leiden. Weil wir uns ihrer sch\u00e4men. Weil sie uns st\u00f6ren bei unserem selbst konstruierten lichten Bild von uns selbst. C.G. Jung bezeichnete diesen Bereich als Schatten. In Brechts Macky Messer hei\u00dft es: &#8222;&#8230;.die im Schatten sieht man nicht.&#8220; Richtig, aber da sind sie und zwar mit Macht. Beide Seiten, die lichten und geliebten und die abgelehnten, verdr\u00e4ngten bedingen sich. Wie kommt es eigentlich, dass Pers\u00f6nlichkeitsattribute in den Schatten geraten?<br \/>\nIch m\u00f6chte es an einem einfachen Beispiel, welches Carl Rogers einmal anf\u00fchrte, aufzeigen:<br \/>\nZwei Br\u00fcder, sagen wir im Alter von zwei Jahren, spielen miteinander. Einer hat ein Auto, das der andere auch gerne zum Spielen h\u00e4tte. Da der Autobesitzer nicht freiwillig nachgibt, kriegt er einfach einen Baustein auf den Kopf, was ihn zum sofortigen Aufgeben bringt. Nat\u00fcrlich gibt es ein gro\u00dfes Geheule und in diesem Moment kommt die Mutter zur T\u00fcre herein. Wie M\u00fctter so sind, ergreift sie sofort Partei f\u00fcr den Weinenden und schimpft den T\u00e4ter als B\u00f6sewicht. Soweit so gut oder vielmehr nicht gut. Es kann jetzt n\u00e4mlich folgendes passieren:<br \/>\nKinder in diesem Alter sind &#8222;asozial&#8220;. Sie m\u00fcssen sich selbst erst ausprobieren und sich ihren Platz im Leben suchen. Daf\u00fcr bed\u00fcrfen sie der Eltern. Man nennt dies Sozialisation. Das eine Kind hat gesiegt. Wir alle wissen, dass siegen Spa\u00df macht. Wenn man \u00e4lter ist, dann tr\u00e4gt man dieses sch\u00f6ne Gef\u00fchl nicht mehr so offen zur Schau, sondern garniert es mit Mitleid mit dem Verlierer und anderen Mitmenschlichkeiten. Das ist auch gut so, denn auf diese Weise wird eine Gesellschaft sozial.<br \/>\nBei unserem Kleinkind ist das aber noch ganz anders. Es realisiert, dass ein f\u00fcr ihn durch und durch positives Gef\u00fchl von der Mutter als negativ bewertet wird. Da es in diesem Alter aber essentiell auf die Liebe der Mutter angewiesen ist, muss es dieses f\u00fcr es positive Gef\u00fchl verdr\u00e4ngen, weil es Angst hat, die Liebe der Mutter zu verlieren und die ist f\u00fcr sein \u00dcberleben wichtig. Wenn es &#8222;therapeutisch&#8220; denken k\u00f6nnte, dann w\u00fcrde es sagen: &#8222;Ich bin der St\u00e4rkere, das ist Klasse! Wenn meiner Mutter das nicht gef\u00e4llt, dann ist das ihr Problem, nicht meines.&#8220;<br \/>\nWenn sich solch ein Erleben viele Male wiederholt, dann wird ein an sich positives Gef\u00fchl negativ besetzt. Und es entsteht das, was wir als neurotische St\u00f6rung bezeichnen. Das Gef\u00fchl muss &#8222;weg gepackt&#8220; werden. So einem Menschen kann es passieren, dass er nicht zu seiner eigenen St\u00e4rke stehen kann.<br \/>\nWir erleben dann, dass wir ihm so oft sagen k\u00f6nnen wie wir wollen: &#8222;Du schaffst das, lass&#8216; dich ja nicht unterbuttern&#8220; und er kann es nicht annehmen.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zwar nicht zum Thema, aber es taucht sicher die Frage auf, wie die Mutter sich richtig verhalten h\u00e4tte?<\/p>\n<p>1. Dem Gewinner zu verstehen geben, dass sie versteht, dass ihm sein neues Spielzeug Spa\u00df macht und es sch\u00f6n ist, Sieger zu sein.<br \/>\n2. Ihn darauf hinweisen, dass sein Bruder jetzt weint und was man da nun tun k\u00f6nne, denn schlie\u00dflich liebt er ja seinen Bruder auch.<\/p>\n<p>Da die Mutter auch keine Therapeutin ist sondern nur Mutter, wird aber die Sache wohl in vielen F\u00e4llen ihren oben geschilderten Verlauf nehmen.<\/p>\n<p>Von diesem Kaliber sind die Sachen, die wir in den &#8222;Schatten&#8220; gepackt haben. Die kann man nicht einfach loslassen. Die muss man lernen anzunehmen. Alleine in dem Begriff Loslassen steckt ein Widerspruch. Wie soll man etwas loslassen, welches ein Teil seiner Selbst ist?<\/p>\n<p>Ohne die Annahme dieser verdr\u00e4ngten Anteile sind wir nur halbe Pers\u00f6nlichkeiten, denn sie geh\u00f6ren ja nun mal zu uns. Einen guten Teil unserer Energie sch\u00f6pfen wir auch aus den verdr\u00e4ngten Attributen. Verdr\u00e4ngte Wut verschwindet ja nicht einfach, sondern \u00e4u\u00dfert sich zum Beispiel darin, dass wir auch mutig Stellung beziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wenn wir jetzt von der psychologischen auf die Yogaebene gehen, kommen noch andere Aspekte dazu.<br \/>\nDas Leben, das hei\u00dft alles was ist, ist zusammengesetzt aus drei Momenten, dem Bewegenden, dem Tr\u00e4gen und dem Gleichgewicht zwischen beiden. Wir nennen das die drei Gunas. Diese drei Momente sind unabl\u00e4ssig in Bewegung und wechseln sich ab. Auch in unserem Denken. Mal sind wir enthusiastisch, die Minute darauf betroffen, dann wieder mutlos usw. Solange wir leben, h\u00f6rt das nie auf. Es ist das Wesen des Lebens. Im Zuge dessen, kommen t\u00e4glich Millionen von Eindr\u00fccken in unser Denken. Manche nehmen wir wahr, die meisten aber tauchen ab ins Unbewusste. Sie verschwinden aber nicht.<\/p>\n<p>Wenn jetzt eine dieser Impressionen auf eine schon vorhandene \u00e4hnliche trifft, wird diese an die Oberfl\u00e4che geholt.<br \/>\nNehmen wir noch einmal das Beispiel mit den zwei Br\u00fcdern. Stellen wir uns vor, dass der Gescholtene auf eine dominante Chefin trifft, der irgendetwas an seiner Arbeit nicht gef\u00e4llt und sie dies ziemlich harsch zum Ausdruck bringt. Dieses Erleben wird den Eindruck von damals aktivieren und das Selbstbewusstsein bez\u00fcglich der eigenen St\u00e4rke ist weg, und er wei\u00df nicht warum.<\/p>\n<p>Patanjali schreibt in Yogasutra 2: Yogas chitta vrtti nirodha. Das hei\u00dft: Yoga ist die Unterdr\u00fcckung der Fluktuationen des Denkens. Das ist Yoga und nicht nur ein paar \u00dcbungen mit R\u00e4ucherst\u00e4bchenduft.<br \/>\nDas hei\u00dft, das Denken wird zum absoluten Stillstand gebracht. Jeder, der schon mal zehn Minuten in einer meditativen Haltung sa\u00df, kann ermessen, was das bedeutet. Kaum sitzt man, f\u00e4llt einem ein, dass man ja noch Bananen kaufen wollte und dass bei Aldi der Prospekt mit den neuen Sonderangeboten ausliegt usw.<\/p>\n<p>Um dieses Ziel der absoluten Denkleere zu erreichen, steigt der Yogi aus dem Leben aus. Jeder Aspekt der Yogatechnik zeigt das. Leben hei\u00dft Bewegung. Der Yogi bewegt sich nicht. Nicht nur f\u00fcr zehn Minuten, sondern f\u00fcr Tage und Wochen sitzt er in seiner Meditation. Die Asanas werden in Bewegungslosigkeit \u00fcber lange Zeit ausgef\u00fchrt. Wer hat nicht schon Bilder von Sadhus gesehen, die \u00fcber Jahre auf einem Bein standen, bis das Unbenutzte verk\u00fcmmert war. Wenngleich das jetzt nicht unbedingt was mit Yoga zu tun hat. Aber das Prinzip, das dahinter steckt, ist das gleiche. Auch die Atmung, fast ein Synonym f\u00fcr Leben, wird unter Kontrolle gebracht und fast bis zum v\u00f6lligen Stillstand verlangsamt (Pranayama).<\/p>\n<p>Warum das alles? Wenn das Denken v\u00f6llig leer ist, dann erscheint die wahre Wirklichkeit, das reine Bewusstsein. Der Yogi identifiziert sich nicht mehr mit seinen Denkinhalten. Sie existieren nicht mehr. Dies ist Befreiung oder auch Erleuchtung im Yogasinn.<br \/>\nEs w\u00fcrde im Rahmen dieses kurzen Artikels zu weit f\u00fchren, die ganzen Yogatechniken zu beschreiben, die dahin f\u00fchren. Auf einen Nenner gebracht k\u00f6nnte man sagen, dass die zentrale Technik Konzentration ist, mit der s\u00e4mtliche Denkinhalte gewisserma\u00dfen verbrannt werden.<\/p>\n<p>Ich nehme nicht an, dass einer der Leser oder Leserinnen dieses Artikels vorhat, sich diesem Prozess zu unterziehen. Vielmehr wollen sie in Urlaub fahren, Geld verdienen, mit den Kindern spielen, Essen gehen usw. Aber da ist doch auch noch ein anderes Bed\u00fcrfnis, denn sonst w\u00fcrde sich keiner irgendeinem Training unterziehen.<\/p>\n<p>Ist es vielleicht der tiefe Wunsch nach Ganzheitlichkeit, sagen zu k\u00f6nnen, &#8222;das bin ich mit meinen St\u00e4rken und meinen Schw\u00e4chen und so ist es gut?&#8220;<\/p>\n<p>Im Yogainstitut in Bombay wird eine Konzentrationstechnik gelehrt, bei der man sich auf alle Ger\u00e4usche konzentriert, die das Ohr wahrnimmt. Nach einer Weile kommt man auf immer feinere Ebenen. Man geht also den umkehrten Weg, indem man mit seiner Aufmerksamkeit bewusst nach au\u00dfen geht anstatt sich nach innen zu wenden. Nach einiger Zeit verschwindet die innere Unruhe und man wird ruhig.<br \/>\nVielleicht ist diese \u00dcbung ein Modell, um zur eigenen Ganzheit zu gelangen. Indem man alle Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale, sogenannte positive als auch sogenannte negative annimmt, beendet man all die K\u00e4mpfe, die nichts als Kraft kosten. Krishnamurti hat das einmal sehr sch\u00f6n beschrieben: Wenn sich ein Teil des Denkens zum Zensor \u00fcber den anderen Teil erhebt, dann entsteht ein zus\u00e4tzliches Tohuwabohu.<br \/>\nIch denke, dass dieses sich Annehmen eine Art Erleuchtungserlebnis f\u00fcr sogenannte Normalmenschen ist. Denn man stellt erstaunt fest: &#8222;Na und, das bin ich eben auch, und heute ist es so und morgen wieder anders. Wozu sich \u00e4rgern?&#8220;<\/p>\n<p>Was man also letztlich losl\u00e4sst, ist die st\u00e4ndige Bewertung seiner selbst.<\/p>\n<p>Johnny Cash sang einmal &#8222;The road goes on&#8220;. Es ist ein gro\u00dfer Trugschluss, zu glauben, dass irgendwann einmal irgendetwas endet. Das f\u00fchrt zu einem st\u00e4ndigen Suchen. Manche Menschen &#8222;arbeiten ihr ganzes Leben an sich&#8220;, was immer das auch hei\u00dft. Irgendwas soll dann irgendwann erreicht sein. In Martin Walsers neuem Roman &#8222;Mein Jenseits&#8220; geht ein Mann eine imagin\u00e4re Wand entlang, hinter der er das wahre Leben vermutet und sucht einen Durchgang, um dorthin zu gelangen. Letztendlich wird ihm bewusst, dass die Wand das Leben war.<br \/>\nVor drei Jahrzehnten sa\u00df ich neben einigen anderen Yogasch\u00fclern vor meinem Lehrer Dr. Jayadeva bei der sogenannten Morninglecture. Unter uns war auch ein Universit\u00e4tsprofessor, ein ernsthafter, intelligenter Mann. Irgendwann w\u00e4hrend des Gespr\u00e4chs \u00e4u\u00dferte er ganz kindlich den Wunsch, dass ihm der Dr. die Hand auf den Scheitel legen m\u00f6ge, um die yogische Kraft zu \u00fcbertragen. Was hat der Mann erwartet? Dass ihm pl\u00f6tzlich ein Blitz durchs Denken f\u00e4hrt, der ihn in ein Meer von glei\u00dfendem Licht f\u00fchrt? Ich denke nicht, dass das so l\u00e4uft. Erkenntnis ist die Einsicht in und die Annahme der Dinge, wie sie sind. Und dann &#8211; \u00dcberraschung, \u00dcberraschung &#8211; k\u00f6nnte man pl\u00f6tzlich loslassen und stellt fest, dass es nichts mehr zum Loslassen gibt.<\/p>\n<p>Gerhard Pflug<\/p>\n<p>Februar 2010<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob man es mit Eheberatung, mit Selbsterfahrungsgruppen oder mit Yogagruppen zu tun hat, ist egal. Einfach loslassen hei\u00dft die L\u00f6sung, die oft angeboten wird. Wenn es ein englischsprachiger Trainer ist, hei\u00dft es ganz sanft: &#8222;Just let it go, lass&#8216; es einfach los&#8220;. 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