{"id":2636,"date":"2021-10-31T16:28:53","date_gmt":"2021-10-31T15:28:53","guid":{"rendered":"https:\/\/gpflug.de\/website\/?p=2636"},"modified":"2021-10-31T16:28:53","modified_gmt":"2021-10-31T15:28:53","slug":"ueber-das-verweilen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/gpflug.de\/website\/2021\/10\/31\/ueber-das-verweilen\/","title":{"rendered":"\u00dcber das Verweilen"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-2639\" src=\"https:\/\/gpflug.de\/website\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/PICT1338-300x225.jpg\" alt=\"PICT1338\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/gpflug.de\/website\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/PICT1338-300x225.jpg 300w, https:\/\/gpflug.de\/website\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/PICT1338-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/gpflug.de\/website\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/PICT1338-768x576.jpg 768w, https:\/\/gpflug.de\/website\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/PICT1338-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/gpflug.de\/website\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/PICT1338-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>W\u00e4hrend einer Reise durch Rajastan waren wir auch ein paar Tage in Pushkar. Der Legende nach lie\u00df Gott Brahma an dieser Stelle eine Lotusbl\u00fcte (Pushkar) auf die Erde niederfallen und es entstand ein See. Um diesen See gruppierten sich im Laufe der Jahrhunderte viele Tempel und so ist die Stadt noch heute ein beliebter Wallfahrtsort. Leider zerst\u00f6rte der Gro\u00dfmogul Aurangzeb in religi\u00f6sem Fanatismus einen Gro\u00dfteil der alten Tempel, sodass die heute noch stehenden nur aus den letzten 300 Jahren stammen. Bemerkenswert ist, dass nur 11 Kilometer entfernt Ajmer liegt, der wichtigste Wallfahrtsort der indischen Moslems. Da die Hindus vor den Moslems in Indien waren, kommt mir der Gedanke, dass hier wie an vielen religi\u00f6sen Orten eine \u00dcberlagerung geplant war. Auch in unserer christlichen Tradition wurden ja Kirchen \u00fcber Tempel und alte Heiligt\u00fcmer gebaut.<\/p>\n<p>Wie auch immer, jeder der Pushkar besucht, kann sich seinem Zauber an heiterer Gelassenheit nicht entziehen. Auf den Ghats, die hinunter zum Wasser f\u00fchren, spielt sich mannigfaltiges Leben ab. Fromme Hindus verrichten ihre Riten, K\u00fche, Affen, Ziegen und Tauben sind genauso geduldet und respektiert wie Menschen. Das ist f\u00fcr mich immer wieder das Faszinierende an Indien, diese Toleranz dem Anderen gegen\u00fcber. Jeder, und damit sind nicht nur Menschen gemeint, kann nach seiner Art leben \u2013 und auch sterben. Es ist beileibe nicht alles idyllisch.<\/p>\n<p>Mehrmals am Tag bummelten wir durch die Stra\u00dfen und verweilten am See. Es spielten sich oft die gleichen Rituale ab. Die H\u00e4ndler sprachen uns an, es gab einen kleinen Schwatz, wir sagten \u201evielleicht ein andermal\u201c, was mit einem freundlichen L\u00e4cheln quittiert wurde. Drei Stunden sp\u00e4ter wiederholte sich das Ganze. Vielleicht lag diese Leichtigkeit zum Teil auch an dem fr\u00fchlingshaften Januarklima &#8211; Indien mal nicht schwei\u00dfgebadet. Es war, als schwebte M\u00f6rikes Fr\u00fchlingsgedicht \u00fcber uns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als es an der Zeit war, einen Reisescheck einzuwechseln, kamen wir, wie so oft in Indien, mit dem Inhaber des kleinen Ladens ins Gespr\u00e4ch. Wir sprachen \u00fcber dies und das und kamen auch auf das Reisen. Wir sprachen von fr\u00fcheren Indienaufenthalten und fragten, wo er denn schon \u00fcberall gewesen sei? Nirgends, antwortete er. Er habe noch nie den Wunsch oder die Notwendigkeit versp\u00fcrt, Pushkar zu verlassen. Er finde hier alles, was er sich w\u00fcnschen k\u00f6nne. Da staunten wir Weitgereisten und wunderten uns. Hatten wir hier einen etwas eingeschr\u00e4nkten Vertreter der menschlichen Spezies vor uns oder einen Fastheiligen? Er machte nicht den Eindruck des ersteren und dieser Gedanke kam mir auch nicht ernsthaft angesichts der heiteren Gelassenheit, die er ausstrahlte. Gleichviel, dieses Erlebnis bot Stoff zum Nachdenken.<\/p>\n<p>Wie ist es bei uns? Reisen bildet, hei\u00dft es. So sind wir denn st\u00e4ndig unterwegs. Auch auf Reisen, die nichts mit Bildung zu tun haben, sondern nur der Zerstreuung dienen. Viele verbringen Zeiten in einem Land, ohne die Grenzen des Urlaubsresorts zu verlassen. Diese Bewegungswut ist meinem Eindruck nach nur ein Ausdruck einer generellen Haltung. Tiefer, schneller, weiter, h\u00f6her, gr\u00f6\u00dfer, sch\u00f6ner usw. Das sind unsere G\u00f6tter. Stillstand hei\u00dft R\u00fcckschritt &#8211; sagt man in der Wirtschaft. Vor Jahren schrieb E.F. Schuhmacher sein Buch \u201eSmall is beautyful\u201c. Kleine Wirtschaftseinheiten mit \u00fcberschaubarer Energieversorgung waren seine Idee. Der Einzelne sollte sich darin wiederfinden k\u00f6nnen. Diese Idee gibt es auch heute noch &#8211; in Indien, in den noch vorhandenen Gandhid\u00f6rfern. Was finden wir dagegen zunehmend? Immer gr\u00f6\u00dfere Einheiten, die nicht einmal mehr von Staaten kontrollierbar sind. Der Widerstand gegen diese Globalisierung kommt nicht von ungef\u00e4hr.<\/p>\n<p>Auch bei unserer inneren Entwicklung scheinen wir oft nach dem obigen Motto zu verfahren. Wir streben nach Vervollkommnung, besuchen dieses und jenes Training, machen diese und jene Ausbildung und irgendwie glauben wir wohl, dass wir irgendwann einmal fertig seien. Obwohl wir nat\u00fcrlich sagen, dass das Pers\u00f6nlichkeitswachstum nie endet. Hei\u00dft es doch auch: \u201eDer Weg ist das Ziel\u201c. Hier liegt aber, so glaube ich, ein Missverst\u00e4ndnis vor. Das Ziel, darin sind sich alle Suchenden weitgehend einig, besteht aus Attributen wie Gelassenheit, innerer Ausgeglichenheit, konzentriertem Handeln, Harmonie mit sich und seiner Umwelt usw. Wenn dies das Ziel ist, dann m\u00fcsste der Weg dahin genauso aussehen. Das ist es, was der Satz oben sagt. Eigentlich scheint es ein Paradox zu sein. Einerseits Bewegung, andererseits Ruhe. Bewegen im Verweilen. Es fordert von uns ein hohes Ma\u00df an Bewusstheit, diese beiden Momente in jedem Augenblick in Einklang zu bringen. Beide sind gleichsam die H\u00e4lften einer Kugel. Ist nur Bewegung, herrscht sinnentleerte Dynamik. Ist nur Verweilen, herrscht Tr\u00e4gheit und Stillstand.<\/p>\n<p>Der folgende Text stammt aus Rabindranath Tagores \u201eSadhana\u201c (innere Entwicklung), in der \u00dcbersetzung von Helen Meyer-Frank, M\u00fcnchen 1921:<\/p>\n<p>\u201eWir sehen, wie im Abendlande der Mensch haupts\u00e4chlich darauf bedacht ist, sich nach au\u00dfen hin auszudehnen. Das freie Feld der Macht ist sein Gebiet. Er hat nur Sinn f\u00fcr die Welt der \u00e4u\u00dferen Ausdehnung und mag mit der Welt des inneren Seins, der Welt, wo seine Vollendung liegt, nichts zu tun haben, ja, er glaubt nicht einmal daran. Er ist so weit gekommen, \u00addass es f\u00fcr ihn nirgends Vollendung zu geben scheint. Seine Naturwissenschaft redet immer von der nie endenden Entwicklung der Welt. Seine Philosophie hat jetzt angefangen, von der Entwicklung Gottes zu reden. Sie wollen nicht zugeben, dass er <strong><u>ist<\/u><\/strong>; sie behaupten, dass auch er ewig werdend ist. Sie erkennen nicht, dass das Unendliche, wenn es auch \u00fcber jeg\u00adliche bestimmbare Grenze hinausgeht, doch zugleich vollst\u00e4n\u00addig ist; dass Brahrna auf der einen Seite in ewiger Entwicklung und auf der anderen die Vollendung ist; dass er sowohl Wesen wie Offenbarung ist, beides zu gleicher Zeit, wie das Lied und das Singen dasselbe ist.\u201c<\/p>\n<p>Lassen wir Tagores Gedanken auf uns wirken. Es ist seine Meinung und seine Erfahrung. Wir m\u00fcssen sie mit unserer Wirklichkeit vergleichen und das ist auch der Sinn jedes Geschriebenen.<\/p>\n<p>Stoff zum Nachdenken, lieber Leser. Wenn wir nicht nach Pushkar gereist w\u00e4ren, w\u00e4re ich dann mit diesen Gedanken in Ber\u00fchrung gekommen? Vielleicht, vielleicht auch nicht? Wahrscheinlich muss jeder seinen eigenen Weg gehen und sich seine Anst\u00f6\u00dfe auf seine eigene Weise holen, der Mann in Pushkar, Ich, Sie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend einer Reise durch Rajastan waren wir auch ein paar Tage in Pushkar. Der Legende nach lie\u00df Gott Brahma an dieser Stelle eine Lotusbl\u00fcte (Pushkar) auf die Erde niederfallen und es entstand ein See. 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