Karma und Gesellschaft

Dieser Tage war zu lesen, dass das große Trinkwasserreservoir in der Nähe der südindischen Großstadt Chennai weniger Wasser als sonst enthält.

In diesem Zusammenhang wurde auch beklagt, dass durch Neubauten viele Tümpel und kleine Gewässer zugeschüttet würden.

Nun muss man wissen, dass Wasser in Indien ein kostbares Gut ist. Auch in Jahren mit normalem Monsun wird nur eine bestimmte Menge Wasser zugeteilt. Während meiner Zeit im Yogainstitut öffnete mein Lehrer Dr. Jayadeva morgens die Wasserzufuhr, um die zugeteilte Menge in den Tank auf dem Dach zu pumpen. Damit musste man dann auskommen.

Kehren wir zurück nach Südindien. Natürlich vergaßen die offiziellen Stellen bei ihrer Klage nicht, auf die Erderwärmung hinzuweisen.

Ich kenne von meinen Reisen einige große Städte in Südindien: Chennai, Pondicherry, Trichy usw. Vor allem aus Pondicherry ist mir ein Bild im Gedächtnis haften geblieben. Auf unserem Weg vom Hotel in die Innenstadt überquerten wir einen kleinen Flusslauf. Das Wasser war schwarz, soweit man es überhaupt sehen konnte, denn die Oberfläche war dick mit Plastik und Unrat aller Art bedeckt. Wenn man durch die idyllischen Palmenhaine Kovalams in Kerala bummelt, wegen der Backwaterkanäle gibt es dort auch reichlich Wasser, sieht man viele Plastiktüten, die achtlos weggeworfen wurden. Man hat oft den Eindruck, dass das ganze Land mit Plastik bedeckt ist.

Eine uns bekannte Inderin beklagte das auch einmal und meinte dann, dass die Inder das schon sähen und sich im Ausland auch anders verhalten würden, aber sobald sie wieder zuhause wären, würde wieder alles achtlos in die Umwelt geworfen. Obwohl ich Indien liebe, halte ich es für das schmutzigste Land auf unserem Planeten.

Wie ist das zu erklären? Im Yoga und Ayurveda gibt es Reinigungstechniken, von denen wir im Westen nichts ahnten. Da gibt es die Reinigung von Darm, Magen, Zunge und Augen. Nicht zu sprechen von den Regeln der geistigen Reinhaltung in den Yamas und Niyamas.

Die persönliche Sauberkeit ist in allen Bereichen sichtbar. Auch an den staubigsten Straßen wird ständig gekehrt – aber nur bis zur eigenen Grenze und da liegt der Hase im Pfeffer. Das, was außerhalb des eigenen Bereiches liegt, ist nicht von Interesse.

In der Bhagavad Gita lesen wir, dass es nicht ratsam sei, sich in das Karma von anderen einzumischen. In den Yogasutren steht, dass der Ort, an dem man lebt, die Art der Erfahrungen und die Dauer des gegenwärtigen Lebens durch vergangenes Karma determiniert sei. Da gibt es nichts zu verändern. Das muss gelebt werden.

Nur im jetzigen Leben kann man durch die Art und Weise, wie man lebt, sein zukünftiges Leben bestimmen. Wenn man sein gegenwärtiges Dharma gut erfüllt, dann hat man die Chance, „nach oben“ zu klettern.

Es gibt diese Geschichte von dem Ertrinkenden, der verzweifelt im Wasser strampelt, während die Zuschauer teilnahmslos zusehen. Ein aufgeregt fragender Westerner erhält die Antwort: „Das ist eben sein Karma.“

Als der junge Shri Yogendraji, der Gründer des Yogainstituts in Mumbai, eines Tages mit seinem Guru Paramahamsa Madhavadasaji mit einer Fähre über einen breiten Strom übersetzen wollte, hielt ihn der Guru zurück und sagte, dass die Fähre untergehen und viele ertrinken würden. „Aber da muss man doch eingreifen und sie warnen!“ „Wozu, es sind doch alles Narren!“

Abgesehen davon, dass der Guru das Siddhi der Voraussage der Zukunft praktizierte, ist die Geschichte schon ziemlich strange, zeigt aber deutlich, wie indisches Denken ist. Die Passagiere wurden von ihrem Karma just zu dieser Stunde zu dieser Fähre geführt. Das ist kein Zufall. Wenn sie jetzt also ertrinken, dann haben sie offensichtlich das, was sie in diesem Leben abzuarbeiten haben, erfüllt und können hinübergehen in die nächste Daseinsform. Für den Inder ist das klar, aber ist es das auch für uns mit unserer Tradition der Nächstenliebe und dem Jesuswort: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder tut, das habt ihr mir getan.“

Wir im Westen mixen ja gerne alle möglichen Fragmente aus fernen Kulturen und Kulten zusammen und basteln uns eine eigene Religion. Aber, so einfach ist das nicht. Ich denke, dass wir archetypisch sehr fest in unseren Traditionen verwurzelt sind und zwar intellektuell mit östlichem Denken jonglieren können, aber tief drinnen das bleiben, was wir kraft Herkunft sind. Wen meine Erfahrungen da interessieren, den verweise ich auf mein Buch: „Jenseits von Benares“.

Es ist auch unter Indern common sense, dass dieses Denken ans eigene Karma und das eigene Dharma dazu führt, dass es an Verantwortung für die Gesellschaft und die weitere Umgebung außerhalb seines eigenen Bereichs fehlt.

Keinem Inder käme es in den Sinn, die Welt retten zu wollen, wie wir Deutschen uns ja gerade wieder mal anschicken.