Yoga und Psychotherapie Teil 5

Wir sagten, dass Yoga Psychotherapie als Vorstufe bezeichnet. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich das von selbst. Es geht dem Yogi nämlich gar nicht um das Bearbeiten von Verhaltensstrukturen, also Blockaden, die etwa aus der Kindheit stammen und die unser Verhalten negativ bestimmen. Das ist nur insofern von Bedeutung, als es für die Ausübung von Yoga zum Erlangen der Befreiung (Moksa) erforderlich ist (siehe Beispiel von dem Aspiranten, der so „gut“ meditieren konnte). Für den Yogi ist der Inhalt von Citta unerschöpflich, enthält sie doch alle Eindrücke, Gedanken und Gefühle aus allen Inkarnationen. Wo sollte man da anfangen und wo enden?

Es gibt im Yoga den Begriff Samskaras, damit sind alle Eindrücke gemeint, die ins Bewusstsein gelangen. Manche davon sind sehr prägend, wenn sie zum Beispiel von traumatischen Ereignissen stammen. Manche sind mit starken Gefühlen verbunden. Manche hinterlassen (fast) keine Spuren, wie das Trinken einer Tasse Tee. Alle treten im Lauf der Zeit in den Hintergrund des Bewusstseins oder versinken im Unbewussten. Alle sind aber jederzeit bereit, wenn ein korrespondierender äußerer Anlass auftaucht, wieder in alter Intensität ins Bewusstsein zu treten.

Da gibt es das bekannte Beispiel von dem Yogi, der schon kurz vor dem Samadhi in tiefer Meditation am Ufer des heiligen Ganges sitzt. Eines Tages kommt eine Gruppe junger Mädchen mit Gesang und klingenden Fußkettchen vorbei. Diese Eindrücke dringen in sein Bewusstsein, wecken alte Begierden und bringen ihn wieder zurück ins pralle Leben des Wandels und der Vergänglichkeit.

Hier wird auch deutlich, was Psychotherapie leistet und was nicht. Jeder, der schon einmal eine Therapie gemacht hat, weiß, dass dadurch keine endgültige Lösung erreicht wird. Die Erfahrungen, Neurosen und Traumata der Vergangenheit verschwinden ja nicht einfach, aber es ist möglich, die Sichtweisen darauf zu verändern und andere Verhaltensstrukturen einzuüben. Aber all das ist kein Garant, dass irgendetwas vorbei ist.

Nicht umsonst gibt es bei den Anonymen Alkoholikern den Wunsch „Gute 24 Stunden!“ Das ist schon eine ganze Menge. Es gibt, trotz therapeutischen Bemühens, keine Garantien für unbeschwertes Glück. Immerhin kann die Lebensqualität verbessert werden, weil z.B. die kindlichen Verhaltensstrukturen durch Erwachsenen gemäße ersetzt werden.

Wir kennen den Begriff Karma aus den östlichen Philosophien, auch aus dem Yoga. Es gibt kurz-mittel- und lang wirkende Karmas (wenn man diese Art des Denkens für möglich hält).

So kann z.B. ein lang wirkendes Karma aus dem vorvorletzten Leben in die scheinbare Idylle eines therapeutisch geklärten Lebens einschlagen und alles kräftig durcheinander wirbeln, auch tiefes Leid verursachen.

Wir sprachen im letzten Abschnitt über den Purusa als innersten Kern, als den wahren Menschen, der das Geschehen um sich herum reflektiert und sich fälschlicherweise damit identifiziert. Jetzt könnte man sagen: „Ganz schöner Idiot, der wahre Mensch. Warum ist er so blöd?“

Die Antwort ist, dass wir hier an die Grenze der Mensch gemachten Philosophie gelangen. Es ist nun einmal so. Wir müssen das als Axiom hinnehmen und jede Philosophie ist nur ein
Erklärungsversuch der Fakten, wie wir sie wahrnehmen.

Aber, Yoga ist eine Erfahrungswissenschaft und aus der Erfahrung heraus hat sich gezeigt, dass durch die Praxis von Yoga erreicht werden kann, dass sich der Purusa offenbart.

Durch die konsequente Praxis des Achtfachen Pfades des Klassischen Yoga, wie er in Patanjalis Yogasutren erläutert ist, erkennt sich der Purusa in seinem wahren Wesen. Der Mensch identifiziert sich nicht mehr mit den materiellen Phänomenen, die er bislang für sein Ich hielt, sondern er erkennt sein wahres, seit jeher vollkommenes Wesen, sein Buddhawesen, wie die Buddhisten sagen.

Das ist damit gemeint, wenn es heißt: „Gott schuf den Menschen sich zum Bilde.“

Der Yogi verlässt also den Bereich der materiellen Welt. Er sieht die Beschäftigung damit als unendliche Geschichte, als ein Herumrühren im immer gleichen Fass (ohne Boden).

Er entscheidet sich für die endgültige Befreiung, indem er der Welt entsagt.

Wenn man so will, ist Psychotherapie ein Kompromiss, um mit dem ständigen Auf und Ab der Eindrücke, Gefühle und Gedanken leben zu können und nicht ständig zu stark gebeutelt zu werden.

Für den Yogi ist das aber vollkommen uninteressant.