Yoga und Psychotherapie Teil 4

Es könnte eigentlich die Frage auftauchen, warum ich über dieses Thema schreibe? Was hat Yoga mit Psychotherapie zu tun?

Nun, jeder von uns hat ja einen oder auch mehrere Gründe gehabt, warum er oder sie irgendwann mit Yoga angefangen hat.

Gründe gibt es viele: ruhiger werden, sich nicht mehr so aufregen, verzeihen können, gelenkig werden, was für den Blutdruck tun, selbstständig oder innerlich stabiler werden, mit dem Rauchen aufhören usw.

All das empfinden wir als Persönlichkeitsdefizite, die wir gerne korrigieren möchten. Diese Defizite basieren auf Strukturen, die wir uns irgendwann einmal angeeignet haben, meist nicht freiwillig. Es waren Überlebensstrategien, die irgendwann passten, weil sie uns als die einzig möglichen erschienen.

Kehren wir kurz zu dem Beispiel mit den beiden kleinen Kindern in Teil Eins zurück. Der „Übeltäter“ musste seine Triumphgefühle verdrängen, aus Angst, die Liebe der Mutter zu verlieren. Eine mögliche Folge habe ich beschrieben.

Wie kommt man jetzt auf Yoga, um Heilung zu erfahren? Möglicherweise schwebt einem das Bild eines abgeklärten Yogis vor, der weise lächelnd im Lotossitz verharrt und von den Unbilden dieser Welt nicht mehr berührt wird.

Die ersten Stufen des Achtfachen Pfades sind Yama und Niyama, also Verhaltensweisen, die man ablegen soll und solche, die man sich aneignen soll. Die Engländer sagen wie so oft viel einfacher: the dont’s and the does.“

Nehmen wir Yama Nummer Eins:„Ahimsa – Gewaltlosigkeit“. Da wird von unserem kleinen Jungen, der inzwischen erwachsen ist, verlangt, freundlich zu sein, obwohl sein Problem darin besteht, sowieso zu freundlich zu sein und er eigentlich lernen müsste, mal ordentlich auf den Tisch zu hauen. Es kann also durchaus passieren, dass sich seine Neurose (Definition: Neurosen sind Persönlichkeitsanteile, die abgespalten werden müssen, d.h. nicht gefühlt werden dürfen, weil sonst zu viel Angst entsteht.) noch verfestigt.

Hier wird klar, dass man sich nicht einfach ein System überstülpen sollte, ohne seine inneren Strukturen zu kennen.

Da gibt es dieses schöne Beispiel von dem Yogaschüler, der stundenlang meditativ sitzen kann.
Alle beneiden ihn. Letztlich stellt sich heraus, dass ihm das gar nicht schwer fällt, weil er eine tamasische Persönlichkeit ist, auf deutsch, ein fauler Sack. Für ihn wäre gerade das Gegenteil angesagt.

Wir kommen jetzt zu einem wesentlichen Unterschied zwischen Yoga und Psychotherapie, nämlich der Lehre vom Nicht-Ich.

Wenn wir sagen „Ich“, dann meinen wir unser Selbst, das heißt, das was wir als zu unserer Persönlichkeit gehörig empfinden. Laut Carl Rogers fließen ins Selbstkonzept alle Erfahrungen ein, die einen starken Gefühlsbezug zu uns haben. Yoga sieht das anders.

Auf dem von den Hindus als heilig angesehenen Berg Arunachala bei der südindischen Stadt Tiruvannamalai lebte mehrere Jahrzehnte der berühmte Heilige Ramana Maharshi.

Seine zentrale Botschaft war: „Wer bin ich?“ Dies war sein Yoga: „Wer sitzt da? Wer isst gerade? Wer ist es, der die Welt wahrnimmt? Usw.“

Um zu klären, was es damit auf sich hat, zitiere ich im folgenden aus meinem Buch „Das Yogalehrbuch“:

„Das Weltbild des Yoga basiert auf der dualistischen Samkhyaphilosophie. Dualistisch bedeutet, dass von zwei völlig getrennten und unterschiedlichen Wesenheiten ausgegangen wird, aus denen die Welt besteht. Das Samkhya ist eines der sechs Systeme der brahmanischen Philosophie.

Purusa- Der wahre Mensch

Die erste Wesenheit wird mit Purusa (sprich Puruscha) bezeichnet. Das bedeutet Mensch. Wir verstehen darunter den innersten Wesenskern eines jeden Menschen. Seine innerste Seele. Purusa ist absolut statisch, seit Ewigkeit in sich ruhend, losgelöst von allem und von nichts berührbar. Er hat kein Verlangen, nach was auch immer. Für ihn gibt es kein Suchen und kein Streben. Er ist in sich vollkommen, von Beginn an, für alle Ewigkeit. In unserer Kultur kommt der Begriff ”Seele” dem am nächsten, was wir uns unter Purusa vorstellen können. Jedes lebende Wesen besitzt einen Purusa.

Wenn wir ”Ich” sagen, meinen wir normalerweise unseren Organismus, der aus Körper und Psyche besteht. Das Ziel allen Yogas ist, den Purusa als unser wahres, vollkommenes Ich wahrzunehmen.

Stelle dir den Purusa als einen Diamanten vor, glasklar, hell strahlend und ohne jede Farbe. Er ist umhüllt von Schleiern farbigen Lichts. Dadurch erscheint er selbst farbig. Tatsächlich jedoch reflektiert er das Licht nur. Die Schleier sind unsere nie ruhenden Gedanken, gespeist aus einer unendlichen Zahl von Sinneseindrücken. Ohne das Licht des Diamanten wären die Farben nicht sichtbar. Übersetzt heißt das, dass eine stoffliche Existenz ohne Seele nicht möglich ist. Der Purusa ist also die Quelle unseres Denkens, unserer Existenz. Indem er aber die Farben der Welt der Sinne reflektiert, erscheint er uns identisch mit ihnen. Das ist der Grund, weswegen wir ihn, unser wahres Selbst, nicht erkennen können.

(wird fortgesetzt)