This is (not) the end

sdr

Ich habe die Angewohnheit, morgens unter der Dusche You Tube zu hören. Es ist immer interessant, was man für Vorschläge bekommt, denn die Herrschaften kennen einen ja ziemlich genau aufgrund der Hörgewohnheiten.

Heute morgen also kamen The Doors mit ihrem Song „The End“. Vor 52 Jahren erschien ihr Debütalbum „Light my fire“. Ich war damals 21 und die Band ein paar Jahre älter. Wir alle bewunderten damals Jim Morrison, Jimi Hendrix und Janis. Alle waren ungefähr die gleiche Altersklasse und sie verkörperten für uns unsere unerfüllten Träume von Freiheit, Unabhängigkeit und Rebellion. Alle drei lebten nach dem Motto eines Country-Songs von Faron Young: „ Live fast, love hard, die young“, was sie dann ja auch in die Tat umsetzten.

Wir blieben zurück und dachten: „Die haben es tatsächlich durchgezogen“. Insgeheim aber dämmerte uns schon damals, dass da was gründlich schief gelaufen war und wir freuten uns auf die Dinge, die das Leben für uns in petto halten würde.

Wenn man heute Filmclips von Jim sieht, dann fährt er darin mit wehenden Haaren durch eine Wüstenlandschaft, lässig, die Zigarette zwischen den Lippen. Er fährt schnell und scheint genau zu wissen, wohin er will.

Die kurze Karriere des Jim Morrison war gekennzeichnet durch die Ablösung oder besser Abrechnung mit seinem Vater. In „The End“ erscheint die Textfrequenz: „The killer awoke before dawn… Father, I want to kill you, mother I want…“

Ganz normale Gedanken also für viele Jugendliche. Was er aber wirklich wollte, erscheint in dem Doors-Titel „Break on through to the other side“ – der Wunsch nach Erlösung, Durchbrechen zur anderen Seite, die Grenze des „Jammertals“ überqueren.

Es ist kennzeichnend für die Jugend, dass sie wenig Geduld hat. Es muss gleich passieren und wenn nicht, dann wird „der Fluss eben etwas angeschoben“. Die drei Künstler versuchten es mit Alkohol und Drogen. Janis erschien mit der Whiskeyflasche auf der Bühne, um ihren Schmerz heraus zu brüllen, Jim desgleichen und Jimi erstickte im Drogenrausch.

Ich war damals fasziniert davon, wie die lebten: Wild sein, frei sein, „get your motors running, head up for the highway“, das wär’s doch.

Aber – ich und viele Andere gingen weiter brav in die Schule und Lehre und wurden – älter. Das schafften die Drei nicht und das ist schade, denn dann hätten sie die Erfahrung machen können, dass sich im Verlauf des Lebens die Sicht auf die Dinge erheblich verändert. Denn – in diesem Leben fällt man oft hin und dann steht man wieder auf und das Ganze wiederholt sich unzählige Male, das nennt man dann Erfahrung gewinnen, man kann auch sagen Lebenserfahrung. Am Anfang regt das Hinfallen unheimlich auf, man ist wütend oder enttäuscht und verflucht Gott und die Welt. Aber das hält man nicht durch. Und so kommt es peu a peu zu einer Gelassenheit, die nicht umsonst zu haben ist. Die muss man sich erwerben. Natürlich kommen auch Kenntnisse und Methoden der verschiedensten Art dazu, Yoga zum Beispiel oder man liest etwas über die Stoiker und die Existentialisten und die Peripatetiker. Und dann kann es passieren, dass man hin und wieder die Grenze (break on through) überschreiten darf.

Es ist schade, dass die Drei nicht warten konnten. Es hätte sich sicher gelohnt.